Kurze Pause. Ich weiß, was jetzt kommt.
„Sägt die doch am eigenen Ast.“ „Weltfremd.“ „Typisch Berlin.“ Ich hab die Kommentare schon gesehen, bevor ich diesen Post schreibe. Und trotzdem.
Ich schaue mir berlin-werbefrei.de wirklich an – und finde die Initiative klug, fair und überfällig. Hier ist warum.
ES GEHT NICHT UM EIN WERBEVERBOT.
Plakatwände an Haltestellen, Litfaßsäulen, Geschäftsschilder – alles bleibt. Was weg soll: flackernde Werbemonitore, die uns buchstäblich nicht loslassen. Das ist kein Zufall. Der Fachverband Außenwerbung wirbt selbst damit, sein Medium sei „immer, überall, 24 Stunden, unausweichlich, unübersehbar.“ Ein Werbeformat, dem man sich per Definition nicht entziehen kann, ist kein freier Markt mehr. Es ist Zwangsbeschallung fürs Auge.
UND DIE ARGUMENTE HÄUFEN SICH.
Eine einzelne digitale Werbeanlage verbraucht so viel Strom wie zehn Einpersonenhaushalte pro Jahr. Lichtverschmutzung nimmt laut aktuellen Studien um 6,5 % jährlich zu. Und WallDecaux – nicht Berlin Werbefrei! – hat selbst gemessen, dass Autofahrer ihre Blicke durchschnittlich 2,38 Sekunden auf digitale Anlagen fixieren. Bei Tempo 50 sind das 33 Meter Blindflug. Das steht in deren eigenem Vermarktungsmaterial.
DAS TOTSCHLAGARGUMENT „FREIER MARKT“ ZIEHT HIER NICHT.
Wir haben Tempo 30 eingeführt, ohne die Automobilindustrie abzuschaffen. Wir haben Rauchverbote in Restaurants eingeführt, ohne die Tabakindustrie zu verbieten. Regulierung ist nicht Verbot. Regulierung ist Zivilisation.
UND BERLIN WÄRE DAMIT NICHT ALLEIN.
São Paulo hat 2007 Außenwerbung radikal eingeschränkt – 15.000 Plakatwände verschwanden. Die Bevölkerung war begeistert, die Werbebranche empört. Bekannt vor? Grenoble wurde 2014 als erste europäische Stadt werbefrei und pflanzte an Stelle der 326 entfernten Werbetafeln Bäume. Genf folgte mit der Initiative „Zéro Pub“. In den US-Bundesstaaten Alaska, Hawaii, Maine und Vermont ist Außenwerbung seit Jahrzehnten schlicht verboten. Die Welt geht also nicht unter. Sie wird nur etwas ruhiger.
Als Kommunikationsmensch sage ich: Gute Werbung braucht keine Dominanz durch Dauerfeuer. Sie braucht Relevanz, Kontext, Kreativität. Werbung, die nur wirkt, weil sie unausweichlich ist, hat ein Qualitätsproblem – kein Regulierungsproblem.
Ich will eine Stadt, in der man auch mal einfach den Himmel sieht. Das ist keine naive Forderung, sondern eine ziemlich vernünftige.
Bis zum 8. Mai 2026 braucht Berlin Werbefrei 240.000 Unterschriften. Wer unterschreibt, verbietet keine Werbung. Wer unterschreibt, wählt Stadtqualität über Bildschirmlärm.
Ich hab unterschrieben. 👋

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