Maslow Ahoi
Noch immer thront es in Präsentationen wie eine kitschige Balustrade auf dem Betonfundament des Mittelmaßes. Die Maslow-Pyramide wird auf Leadership-Retreats gehisst, mit Pathos an die Leinwand geworfen und in Laserpointer-Rot umrundet, als sei sie das letzte Stück ägyptischer Weisheit, das wir noch deuten können. Abraham Maslow aber hat in seinem ganzen Forscherleben kein Prisma gezeichnet. Seine Hierarchie war fließend: Bedürfnisse verschoben sich vor und zurück wie Sandbänke im Tidenhub. Erst emsige Management-Erklärbären pressten den gedanklichen Fluss in steile Wände, weil Dreiecke so beruhigend nach Ordnung aussehen. Seither klettern Belegschaften artig von Stufe zu Stufe wie gelangweilte Affen im Zoo, während draußen längst ein frischer Wind zieht.
SEGEL SETZEN, STATT STEINE STAPELN
Ich selbst habe die unglückselige Pyramide selbst in vielen Präsentationen verwendet, bis ich auf Scott Barry Kaufman aufmerksam wurde. Kaufmann nahm das Dreieck, faltete es einmal diagonal und machte ein Segel daraus. Unter Deck pocht der Rumpf – Sicherheit, Verbundenheit, Selbstwert –, kein glatt gegossenes Fundament, sondern Holz, das knarzt und lebt. Darüber bläht sich das Tuch – Entdeckerfreude, Zuneigung, Sinn – und fängt alles, was der Tag an Auftrieb zu bieten hat. Jetzt geht es nicht mehr ums mühsame Hinaufkraxeln, sondern ums Gleiten. Ein Boot mit Leck erreicht keinen Hafen, selbst wenn die Crew heroisch vom großen Warum raunt; eines ohne Segel bleibt eine teuer lackierte Badewanne. Doch wenn Spanten ächzen, Taue singen und das Segel knallt, entsteht jenes Geräusch, das Kapitäne nie vergessen: Fahrt. So erklärt sich, warum eine wackelige Start-up-Kaffeemaschine Weltverbesserer anlockt, während durchgeplante Konzerne Talente verlieren, weil im perfekt abgedichteten Rumpf die Luft zum Träumen fehlt.
KLEINE NAVIGATION OHNE LOTSENHORN
In den Glascontainern meines Beratungsalltags sehe ich oft Menschen, die Sicherheitspläne polieren, bis das Deck spiegelt, statt das Tuch zu setzen. Sie warten auf ideale Bedingungen, während draußen die Strömung kippt. Kommunikation beginnt für mich in dem Moment, da ein kaum merkliches Schaukeln nicht Angst, sondern Wachheit erzeugt. Dann genügt ein Satz, der wie eine Böe in ein halb gehisstes Segel fährt, und das Boot richtet sich auf. Kein Prozesshandbuch kann diesen Augenblick einhegen, keine Roadmap garantieren. Es ist die flüchtige Kunst, das Dröhnen der Planken mit dem Flattern des Segels zu synchronisieren – im Wissen, dass beides nie endgültig ruht. Wer Menschen weiter als Pyramidenbewohner adressiert, übersieht, dass sie längst beschlossen haben loszufahren, mit oder ohne Absegnen des Budget-Committees.
Vielleicht sollten wir das Dreieck also feierlich den Wellen übergeben, damit es, weichgespült von Salz und Zei im Kielwasser verschwindet. Das Boot ist längst unterwegs. Die Frage ist nur, wer es bemerkt, bevor der Wind dreht.