Die heimliche Physik des Wandels – Warum Freunds Couch heute „Jour Fixe“ heisst

Freud trifft Change-Kommunikation: Warum Teams Muster wiederholen, wie Micro-Experimente Angst senken und Transformation wirklich ins Handeln kommt.

Ich habe Freud gern dabei, wenn es um Change-Kommunikation geht. Nicht als Zitat-Deko, sondern als Reality-Check. In „Jenseits des Lustprinzips“ sprengt er die bequeme Idee, Menschen wollten nur Lust und mieden Unlust. Er beschreibt den Wiederholungszwang: Wir reproduzieren Muster, selbst wenn sie wehtun. Genau dort scheitern Transformationen – nicht an Strategie oder Zielbild, sondern an der unsichtbaren Logik der Gewohnheit, die sich modern verkleidet: als Best Practice, Governance oder „Quality Gate“. Und ja: Freuds Couch gibt es heute auch im Büro – sie heißt „Jour fixe“. Wir legen uns hin, erzählen uns dieselben Geschichten und stehen auf mit genau so viel Mut wie vorher.

WARUM KLUGE TEAMS DUMM WIEDERHOLEN
Im Alltag sieht das so aus: perfekte Decks, klare KPIs, viele Meetings – und am Ende dieselbe Entscheidung wie letztes Jahr. Rational wirkt das, emotional ist es Spannungsreduktion. Wir verwechseln Gründlichkeit mit Angstbewältigung und veredeln Zögern als Sorgfalt. Die Organisation hält das für Reife, tatsächlich ist es Komfort. Wer Veränderung ernst meint, muss diese Komfort-Zonen sichtbar machen, ohne Menschen bloßzustellen.

MIKRO STATT MEGA: EXPERIMENTE, DIE ANGST SCHRUMPFEN
Gegenmittel sind Micro-Changes: zwei Wochen, eine Hypothese, ein Messpunkt. Beispiel: „Entscheidung X in 24 Stunden statt 72.“ Wir definieren Kriterien, testen im Mini-Scope, reflektieren offen. Kein Heldentum, nur Lernschleifen. Leitfragen: Welche Risiken meiden wir reflexhaft? Welche Routinen geben uns Schein-Sicherheit? Was darf schiefgehen – und was lernen wir dann konkret? Erfolg senkt Angst, nicht das All-Hands. Und Fortschritt entsteht dort, wo neue Erfahrungen echte Kompetenz im Neuen erzeugen.

FÜHRUNG IST EMOTIONSARBEIT – ODER SIE IST DEKORATION
Change scheitert selten am Wissen. Er scheitert an Gefühlen, die niemand adressiert: Statusverlust, Kontrollangst, Loyalitätskonflikte. Führung heißt deshalb, psychologische Sicherheit zu bauen und Spannung dosiert zuzulassen. Sprache wirkt dabei performativ: Statt „Fehlerkultur“ nutze ich Fragen, die Schuld entgiften und Verantwortung aktivieren – „Was hat uns geschützt? Was hat uns gebremst?“ So verschiebt sich die Energie vom Rechtfertigen zum Gestalten.

KOMMUNIKATION, DIE MUSTER BRICHT
Gute Change-Kommunikation benennt Muster, bietet ein Experiment an und stiftet Zugehörigkeit. Sie ist radikal konkret: „Was wir dachten. Was geschah. Was wir jetzt anders machen.“ Keine Hochglanzsaga, lieber eine präzise Feldnotiz. Rhythmus schlägt Pathos: kurze Zyklen, klare Metriken, sichtbare Entscheidungen. So entsteht Vertrauen – nicht weil wir versprechen, sondern weil wir zeigen.

  • 12. Dezember 2025