Wert ohne Preisschild: Die Lehre der Tjipetir-Platte

Wert ohne Preisschild: Die Lehre der Tjipetir-Platte

Guttapercha – zäher, elfenbeinfarbener Saft der Palaquium‑Bäume Südostasiens. Im 19. Jahrhundert isolierte man damit Tiefseekabel, modellierte Zahnersatz und Golfbälle. Genau aus diesem Material besteht das 33‑Zentimeter‑Quadrat, das mir eines abendlichen Niedrigwassers in Cornwall auffiel: glatter Rand, sandverschmiert, darauf das Wort TJIPETIR – acht Buchstaben, schwer wie ein Rätsel.

Mit einem Klick in die Suchmaschine öffnete sich ein digitaler Dschungel. Fundberichte von Norwegen bis Portugal, Fotos von Küchenfenster‑Vitrinen, You‑Tube‑Mini‑Dokus. Jahrelang herrschte Fantasie über Fakten: Manche sahen ein Fragment der Titanic, andere einen Teil viktorianischer Telegraphentechnik, die Kühnsten gar einen außerirdischen Marker. Seltsam war, dass niemand eine Platte verkaufte. Keine Auktion, kein Kleinanzeigen‑Schnäppchen. Wer eine fand, behielt sie. Ein Objekt massenhaft vorhanden, doch unveräußerlich – ein paradoxes Kleinod.

Erst vor Kurzem legte eine britische Historikerin die nüchterne Route frei: Java, 1912, Frachter „Miyazaki Maru“, April 1917 von einem deutschen U‑Boot versenkt, hundert Jahre Drift. Die Erklärung entzauberte nichts. Das Harz behielt seinen Schimmer, gerade weil es den Ozean überstanden hatte, als würde das Material selbst Geschichten konservieren.

Meine Platte steht heute neben meinem Schreibtisch. Wenn Nachmittagslicht über die Buchstaben zieht, lese ich nicht nur einen Namen, sondern die Geduld des Meeres und die Hartnäckigkeit des Zufalls. Ihr Wert ergibt sich nicht aus Knappheit, sondern aus einem stillen Übereinkommen: Dieses Stück Geschichte ist kein Spekulationsobjekt, sondern eine Erinnerung, die man hütet. Vielleicht ist das Seltenste in unserer Wirtschaft nicht mehr der Rohstoff, sondern die Entscheidung, etwas nicht zu Geld zu machen.

Und dann denke ich daran, wie dieser Guttapercha‑Block aus lichtlosen Regionen – vielleicht viertausend Meter unter dem Kiel der Zeit – jahrzehntelang gewartet hat. Zwischen rostenden Schiffswänden und dem ungeheuren Druck der Tiefe blieb er unversehrt, bis ein Sturm ihn losriss, Strömungen ihn trugen, Wellen ihn über Riffe, Strudel und Brandungen warfen. Er überlebte die Geduld des Ozeans, das Vergessen der Menschen, das Kalkwerk der Muscheln – und doch lag er schließlich, vollkommen alltäglich und doch unerklärlich, vor meinen Füßen im Sand. Ein langer Weg, eine lange Zeit, aus der dunklen Tiefe entkommen, ans Licht gespült, als stumme Zeugin dessen, was das Meer bewahrt, wenn wir nur lange genug warten, um es zu finden.

Mehr dazu in diesem BBC Artikel.

  • 23. Februar 2026