Grundlagen Wissenschaftskommunikation
Übersetzen, nicht vereinfachen. Was gute Wissenschaftskommunikation leistet und warum sie schwieriger ist als sie aussieht.
Es gibt einen Satz, der in der Wissenschaftskommunikation immer wieder fällt: Man muss komplexe Dinge einfach erklären. Das ist falsch. Nicht grundsätzlich, aber in der Konsequenz, die viele daraus ziehen: dass Vereinfachung das Ziel ist. Es ist nicht das Ziel. Das Ziel ist Übersetzung.
Übersetzung bedeutet: das Wesentliche eines komplexen Themas so fassen, dass es für ein Publikum zugänglich wird, das die Fachsprache nicht spricht, ohne die Substanz zu verlieren. Das ist etwas anderes als Vereinfachung. Vereinfachung lässt etwas weg, weil es zu schwierig erscheint. Übersetzung findet eine andere Sprache für dasselbe, weil die Fachsprache für dieses Publikum keine Sprache ist, sondern Rauschen.
Wer das Metascience 2019 Symposium an der Stanford University kommuniziert, steht vor einer spezifischen Version dieser Herausforderung. Metascience ist die Wissenschaft von der Wissenschaft: Sie untersucht, wie Forschung funktioniert, welche Verzerrungen im Forschungsprozess entstehen, wie Ergebnisse repliziert werden und wie das Wissenschaftssystem insgesamt zuverlässiger gemacht werden kann. Das ist ein Thema, das für jeden relevant ist, der sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlässt, also für alle. Aber es ist kein Thema, für das es eine fertige Öffentlichkeit gibt. Diese Öffentlichkeit muss erst hergestellt werden.
Warum Wissenschaftskommunikation so oft scheitert
Das häufigste Scheitern hat einen Namen: der Fluch des Wissens. Wer ein Thema sehr gut kennt, kann sich nur schwer vorstellen, wie es ist, es nicht zu kennen. Was für Forschende selbstverständlich ist, der Kontext, die Vorgeschichte, die Bedeutung eines bestimmten Ergebnisses, ist für alle anderen unsichtbar. Wissenschaftskommunikation, die aus dieser Innenperspektive heraus produziert wird, spricht ein Publikum an, das bereits versteht, und verfehlt das Publikum, das verstehen sollte.
Das zweite häufige Scheitern ist das Verwechseln von Vollständigkeit und Verständlichkeit. Wissenschaftliche Texte sind vollständig: Sie beschreiben Methoden, Einschränkungen, Konfidenzintervalle, alternative Erklärungen. Diese Vollständigkeit ist für den wissenschaftlichen Diskurs unverzichtbar. Für die öffentliche Kommunikation ist sie kontraproduktiv, weil sie das Wesentliche unter Details begräbt.
Das dritte Scheitern ist die Angst vor Vereinfachung, die zur Verweigerung von Übersetzung führt. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind zu Recht misstrauisch gegenüber populärwissenschaftlicher Vereinfachung, die Nuancen opfert und falsche Gewissheiten erzeugt. Aus diesem Misstrauen heraus verweigern sie Kommunikation, die ihr Thema zugänglich machen würde. Das Ergebnis: relevante Forschung bleibt unsichtbar.
Die verschiedenen Zielgruppen und ihre verschiedenen Bedürfnisse
Wissenschaftskommunikation ist nicht eine Kommunikation, sondern viele. Die Zielgruppen unterscheiden sich nicht nur im Vorwissen, sondern in den Fragen, die sie stellen, und in den Konsequenzen, die sie aus Forschungsergebnissen ziehen.
Fachkollegen und Fachkolleginnen kommunizieren über Peer-Review-Publikationen, Konferenzen und Preprints. Hier gelten die Normen des wissenschaftlichen Diskurses: Präzision, Vollständigkeit, Nachvollziehbarkeit. Das ist keine Kommunikationsaufgabe im klassischen Sinne, aber es ist die Basis, auf der alle andere Wissenschaftskommunikation aufbaut.
Fachjournalisten und Wissenschaftsredaktionen haben ein Interesse an Relevanz und Neuigkeit. Sie wollen wissen: Was ist daran neu? Warum ist das jetzt wichtig? Was bedeutet das für ihr Publikum? Für diese Zielgruppe muss Wissenschaftskommunikation in Nachrichtenwert übersetzt werden, ohne die Substanz zu verzerren.
Politische Entscheider wollen handlungsrelevante Erkenntnisse. Sie fragen nicht: Wie funktioniert das? Sie fragen: Was soll ich damit tun? Wissenschaftskommunikation für politische Zielgruppen muss Policy-Relevanz herstellen und dabei die Unsicherheiten wissenschaftlicher Erkenntnis ehrlich kommunizieren, ohne Handlungsunfähigkeit zu erzeugen.
Breite Öffentlichkeit will Bedeutung verstehen: Warum sollte mich das interessieren? Wie betrifft mich das? Was ändert sich dadurch in meinem Leben? Diese Fragen sind berechtigt, und Wissenschaftskommunikation, die sie nicht beantwortet, hat ihr Publikum verfehlt.
Eventkommunikation für wissenschaftliche Symposien
Ein wissenschaftliches Symposium ist kommunikativ eine besondere Herausforderung, weil es mehrere Phasen hat, die jeweils eine andere Kommunikation erfordern.
Vor dem Event geht es um Sichtbarkeit und Erwartung: Wer kommt? Was wird diskutiert? Warum ist dieses Symposium relevant? Die Ankündigung des Metascience 2019 Symposiums musste erklären, was Metascience ist und warum dreißig führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Stanford kommen, um darüber zu sprechen.
Während des Events geht es um Livekommunikation: die Diskussionen in Echtzeit zugänglich machen, für ein Publikum, das nicht vor Ort ist. Twitter, heute X, war 2019 noch das zentrale Instrument für wissenschaftliche Livekommunikation. Das Ziel ist nicht Berichterstattung, sondern Teilhabe: das Publikum des Events zu erweitern über die physisch Anwesenden hinaus.
Nach dem Event geht es um Vertiefung und Verstetigung: Videomitschnitte zugänglich machen, Nachberichte produzieren, die Diskussionen in Fachmedien weiterführen. Ein Symposium, das nach drei Tagen kommunikativ endet, hat die Hälfte seines Potenzials verschenkt.
Wissenschaftskommunikation und gesellschaftliche Relevanz
Die vielleicht wichtigste Funktion von Wissenschaftskommunikation ist eine, die selten so benannt wird: Sie hält die gesellschaftliche Unterstützung für Grundlagenforschung aufrecht, indem sie sichtbar macht, warum Forschung, deren Anwendungen noch nicht absehbar sind, trotzdem wichtig ist.
Die Ontologie der Quantenphysik, die am Symposium in London mit Roger Penrose diskutiert wurde, hat keine unmittelbaren technologischen Anwendungen. Sie ist Grundlagenforschung an den Grenzen physikalischer und philosophischer Erkenntnis. Die Kommunikation für dieses Symposium musste vermitteln, warum diese Fragen gesellschaftlich relevant sind, nicht wegen ihrer Anwendungen, sondern wegen ihrer Bedeutung für das Bild, das wir von der Wirklichkeit haben.
Das ist die anspruchsvollste Form der Wissenschaftskommunikation: Relevanz herzustellen, ohne auf Nützlichkeit zu verweisen.
Gerne empfehle ich mich in diesem Kontext zum Thema Wissenschaftskommunikation Beratung & Workshop. Weiterführende Informationen: Wissenschaft, DeepTech & Innovation.
Fachliteratur
Bucchi, Massimiano; Trench, Brian (Hrsg.): Handbook of Public Communication of Science and Technology. 2. Auflage. London: Routledge 2014.
Dunwoody, Sharon: Science Journalism. Prospects in the Digital Age. In: Holliman, Richard u.a. (Hrsg.): Investigating Science Communication in the Information Age. Oxford: Oxford University Press 2009, S. 85-100.
Nisbet, Matthew C.; Scheufele, Dietram A.: What’s Next for Science Communication? Promising Directions and Lingering Distractions. In: American Journal of Botany 96 (2009), H. 10, S. 1767-1778.
Weingart, Peter; Joubert, Marina; Connoway, Karien: Public Engagement with Science. Origins, Motives and Impacts in Academic Literature and Science Policy. In: PLoS ONE 16 (2021), H. 7.
Ziman, John: Real Science. What It Is, and What It Means. Cambridge: Cambridge University Press 2000.