Intertemporale Freiheitsrechte: Warum unsere Freiheit heute die von morgen raubt
Gestern habe ich einen Begriff gelernt, der mir seitdem hartnäckig nachläuft. Er fiel in einem Gespräch mit jemandem aus einer Umwelt-NGO, eher leise als programmatisch, und vielleicht gerade deshalb mit Wirkung: intertemporale Freiheitsrechte. Ein Wort, das klingt wie ein juristisches Seminar um 8.15 Uhr. Und das doch eine Frage stellt, die man nicht mehr loswird, wenn man sie einmal verstanden hat.
Gemeint ist etwas Erstaunlich Einfaches. Intertemporale Freiheitsrechte bezeichnen die Freiheit zukünftiger Generationen, ihre eigenen Entscheidungen noch treffen zu können. Also nicht nur die Freiheit der jetzt Lebenden, sondern auch die derjenigen, die noch keine Stimme haben, keinen Wahlzettel, kein Protestplakat. Es geht um Politik im Heute – Haushalte, Infrastruktur, Energie, Klimaziele – und zugleich um das Morgen. Um die Frage, ob wir Freiheit leben oder ob wir sie lediglich verbrauchen.
DIE GEGENWART IST WÄHLERSTARK – DIE ZUKUNFT IST STUMM
Politik ist strukturell auf das Jetzt geeicht. Legislaturperioden sind überschaubar, Stimmungen volatil, Aufmerksamkeit kurzatmig. Die Gegenwart meldet sich lautstark zu Wort, sie wählt ab, belohnt, empört sich. Die Zukunft hingegen schweigt. Nicht aus Zustimmung, sondern aus Abwesenheit. Und genau darin liegt das Problem. Entscheidungen, die heute als pragmatisch gelten, können morgen als Freiheitsentzug wirken. Wer Emissionsspielräume aufbraucht, Flächen irreversibel versiegelt oder finanzielle Lasten verschiebt, entscheidet nicht nur für sich. Er entscheidet vor.
FREIHEIT IST KEIN NATURZUSTAND
Wir sprechen über Freiheit gern, als sei sie ein gegebenes Gut, jederzeit abrufbar, unabhängig von Zeit und Kontext. Doch Freiheit ist kein Zustand, sie ist ein Verhältnis. Sie lebt davon, dass Handlungsmöglichkeiten offen bleiben. Diese Rechte erinnern daran, dass man Freiheit nicht nur ausübt, sondern auch weiterreichen kann … oder eben nicht. Jede Entscheidung, die Alternativen verengt, verwandelt Freiheit in eine Art Einmalprodukt. Bequem im Verbrauch, teuer im Nachgang.
WER VERTRITT EIGENTLICH DIE, DIE NOCH NICHT DA SIND?
Der Begriff zwingt dazu, Demokratie aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten. Nicht normativ, nicht pathetisch, sondern strukturell. Ein System, das fast ausschließlich auf die Interessen der Gegenwart reagiert, produziert zwangsläufig Kurzsichtigkeit. Verantwortung beginnt dort, wo man den eigenen Vorteil nicht absolut setzt. Vielleicht ist das der eigentliche Prüfstein politischer Reife: die Fähigkeit, sich heute zu begrenzen, damit morgen noch Entscheidungen möglich sind. Intertemporale Freiheitsrechte sind kein Modewort. Sie sind eine Erinnerung. Daran, dass Freiheit nicht an unserer Lebenszeit endet. Und dass Politik, die das ignoriert, nicht mutig ist – sondern bequem.