Wie ich gestern als Politikberater einem 12-Jährigen den Krieg im Iran erklären musste
Mein Sohn ist 12. Die Nachrichten über Iran, Israel und die USA hat er nicht in der Tagesschau gesehen, sondern in seinem Instagram-Feed. Er folgt dort einem News-Influencer, der Weltpolitik in kurzen Clips erklärt: Karten, Raketen, rote Pfeile, sehr viel Gewissheit in sehr wenig Zeit.
Er legte das Handy weg und fragte: „Papa, auch wenn der richtig krass war, darf man den dann einfach töten?“
Ich ordne beruflich politische Themen ein. Diesmal saß mir kein Moderator gegenüber, sondern mein Sohn am Küchentisch. Und ich merkte sofort, wie schwer eine ehrliche Antwort ist, wenn sie weder zynisch noch naiv klingen soll.
Die Frage ist schwieriger, als sie klingt. Der Iran ist seit Jahrzehnten eine brutale Diktatur. Menschen werden unterdrückt, gefoltert, eingesperrt, getötet. Dass viele bei einem Schlag gegen die Spitze dieses Regimes zunächst Erleichterung empfinden, ist nicht schwer zu verstehen.
Für einen kurzen Moment musste ich an die Nürnberger Prozesse denken. An jene seltenen historischen Konstellationen, in denen Strafe, Recht und politische Vernunft tatsächlich einmal in dieselbe Richtung zeigten. Man sollte klar sagen: Solche Fälle gibt es. Aber genau deshalb muss man bei der Gegenwart so präzise sein.
Ich sagte zu meinem Sohn: „Das Schwierige an Politik ist, dass drei Dinge fast nie dasselbe sind. Was erlaubt ist. Was sich richtig anfühlt. Und was die Lage am Ende wirklich besser macht.“
Er sah mich an. „Also kann etwas gegen einen Diktator sein und trotzdem falsch?“
„Ja“, sagte ich. „Genau das.“
Denn ERSTENS gibt es das Völkerrecht. Staaten dürfen nicht einfach töten, weil sie jemanden für gefährlich oder böse halten. Sonst ersetzt Macht das Recht.
ZWEITENS gibt es die moralische Ebene. Natürlich kann der Tod eines Diktators Genugtuung auslösen. Aber moralische Erleichterung ist kein sauberer Maßstab.
Und DRITTESNS gibt es die strategische Frage: Macht so etwas die Region sicherer? Schwächt es ein Regime wirklich? Oder produziert es neue Eskalation?
Dann fragte er: „Und wer sind jetzt die Guten?“
Ich sagte: „So funktioniert diese Geschichte leider nicht. Es gibt dort nicht einfach Gute und Böse. Es gibt Interessen, Angst, Macht, Ideologie, Traumata, reale Bedrohungen, reales Unrecht und sehr viele Tote.“
Er war kurz still. Dann sagte er: „Also, alle denken, sie haben recht?“
Vielleicht nicht immer. Aber erschreckend oft.
Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung unserer Zeit: Nicht alles, was sich gerecht anfühlt, schafft Gerechtigkeit. Nicht alles, was gegen das Böse gerichtet ist, stärkt schon das Gute. Und nicht jede militärische Tat, die entschlossen wirkt, ist deshalb legal, moralisch legitim und politisch klug.
Ich fürchte, das war nicht meine beste Erklärung. Aber vielleicht die ehrlichste.
