Das Beunruhigende an „Inside CDU“ ist, wie normal alles ist.

KI-generierte Illustration mit CDU-Politikern vor dem Berliner Regierungsviertel.

Eine ZDF-Dokumentation zeigt Politiker bei der Arbeit. Man lernt sympathische Menschen kennen, gelegentlich auch etwas merkwürdige. Doch irgendwann stellt sich eine unbequeme Frage: Sind diese Menschen den gewaltigen Herausforderungen unserer Zeit überhaupt gewachsen? Über politische Karrieren, fehlendes Fachwissen und einen Staat, dem die Welt womöglich davonläuft.

Es ist eine ungewöhnliche Wohltat, Politikern einmal länger als dreißig Sekunden zuzusehen. Nicht beim Verlesen vorbereiteter Erklärungen, nicht in den sorgfältig ausgewählten Ausschnitten der Tagesschau, nicht bei den obligatorischen Schlagabtauschen einer Talkshow. Sondern einfach bei der Arbeit.

Genau das ermöglicht die ZDF-Dokumentation „Inside CDU“. Die Filmemacher Steffen Haug und Denise Jacobs haben die Partei über längere Zeit begleitet. Vier neue Folgen zeigen seit September 2026, wie die CDU mit schwierigen Wahlkämpfen, schlechten Umfragen und den Zumutungen des politischen Alltags umgeht. Die Kamera ist dabei, wenn Strategien besprochen, Termine vorbereitet, Hoffnungen begraben und neue gefasst werden. Man darf Menschen kennenlernen, von denen man bislang vor allem ihre öffentliche Rolle kannte.

Natürlich ist auch eine Dokumentation keine unverstellte Wirklichkeit. Kameraführung, Schnitt und Musik bestimmen mit, wie wir das Gesehene interpretieren. Aber selbst wenn man diese Inszenierung berücksichtigt, bleibt etwas Wertvolles: Man verbringt Zeit mit den Menschen, statt ausschließlich ihre Botschaften zu konsumieren. In einer Medienwelt, die sich zunehmend auf die Verdichtung politischer Wirklichkeit spezialisiert hat, ist das beinahe schon ein Luxus.

Ich habe als Politikberater mit verschiedenen Parteien gearbeitet. Ich kenne die endlosen Abstimmungen, die kleinen Eitelkeiten, die Improvisation, wenn ein sorgfältig vorbereiteter Plan auf die Wirklichkeit trifft. Deshalb überrascht mich wenig von dem, was die Dokumentation zeigt. Erstaunlicher finde ich die heftigen öffentlichen Reaktionen, die sie hervorgerufen hat. Manche Szenen werden als Beweis politischer Abgehobenheit betrachtet, andere als unfreiwillige Komik gefeiert. Offenbar irritiert es viele Menschen, dass der politische Betrieb so wenig außergewöhnlich aussieht.

Dabei ist diese Normalität zunächst etwas durchaus Beruhigendes. Die CDU erscheint weder als geheimnisvolle Machtmaschine noch als Versammlung genialer Strategen, die mit übermenschlicher Intelligenz das Schicksal der Republik lenken. Hier arbeiten Menschen. Sie machen Fehler, freuen sich über Erfolge, erzählen schlechte Witze, bemühen sich um Anerkennung und versuchen, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Sie sind ehrgeizig, gelegentlich eitel, manchmal unbeholfen und erstaunlich oft sympathisch.

Eigentlich sollte uns das freuen. Schließlich wünschen wir uns Politiker, die Menschen geblieben sind. Und „Inside CDU“ gibt uns Gelegenheit, einige von ihnen jenseits ihrer üblichen öffentlichen Auftritte kennenzulernen.

Ausgerechnet Philipp Amthor gehört für mich zu den erfreulichsten Entdeckungen der Serie. Mit seinen tadellosen Anzügen, seinen etwas antiquierten Umgangsformen und seiner eigentümlichen Vorstellung politischer Repräsentation ist er ein dankbares Objekt des Spotts. Amthor wirkt gelegentlich wie ein junger Mann, der sich bereits als Schüler auf seine spätere Pensionierung als Staatssekretär vorbereitet hat. Und je länger man ihm zusieht, desto sympathischer wird mir diese Eigenwilligkeit.

Besonders schön ist natürlich die inzwischen berühmte Strandkorbszene. Amthor lässt einen Strandkorb auf den Balkon seines Büros im Bundeskanzleramt stellen und freut sich sichtlich darüber. Das gute Stück hat er privat bezahlt, ebenso die Anlieferung. Trotzdem löst die Szene in den sozialen Medien eine Welle der Empörung aus. Schließlich lässt Amthor den Strandkorb wieder entfernen. Eine hübsche kleine Tragödie über die Grenzen persönlicher Freiheit im politischen Berlin.

Man kann diesen Auftritt für eitel halten. Vielleicht ist er es auch. Aber ich mag die Vorstellung, dass jemand einen Strandkorb im Kanzleramt aufstellen möchte, einfach weil er Strandkörbe mag. Das ist mir wesentlich lieber als die Vorstellung, Amthor hätte zuvor einen Kommunikationsberater gefragt, welches Möbelstück seine Bodenständigkeit am überzeugendsten unterstreichen könnte.

Ganz anders Sven Schulze, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. In einer Szene fährt er mit dem Fahrrad zu einem Arbeitseinsatz, bei dem Menschen mit Migrationsgeschichte freiwillig öffentliche Flächen reinigen. Er begrüßt die Helfer, schüttelt Hände, die Kamera hält alles fest. Hier soll offensichtlich Bürgernähe entstehen. Ein dynamischer Landesvater besucht engagierte Menschen und zeigt, wie unkompliziert gesellschaftlicher Zusammenhalt funktionieren kann. Nur wirkt das Ganze auf mich sonderbar bemüht. Die kommunikative Absicht ist so offensichtlich, dass sie ihre Wirkung gleich wieder zerstört. Die Helfer geraten zur Kulisse einer politischen Selbstpräsentation, das Fahrrad zum Requisit.

Ich kenne solche Überlegungen aus meiner Arbeit. Wie erzeugen wir einen authentischen Eindruck? Wie zeigen wir Nahbarkeit? Welcher Termin unterstreicht welche persönliche Eigenschaft? Manchmal wäre es besser, einfach mit dem Dienstwagen vorzufahren. Das wäre möglicherweise authentischer als der sorgfältig geplante Beweis der eigenen Ungezwungenheit.

Zwischen Amthors Strandkorb und Schulzes Fahrradausflug liegen zwei unterschiedliche Versuche politischer Selbstdarstellung. Den einen finde ich charmant, den anderen eher misslungen. Über die politische Kompetenz der beiden Männer sagt das zunächst wenig aus. Und genau darin liegt eine Stärke dieser Dokumentation. Man darf Politiker mögen, ohne ihre politischen Positionen zu teilen. Man darf sich über sie wundern, ohne an ihrer Intelligenz zu zweifeln.

Doch während ich diesen Menschen zusehe, verändert sich allmählich mein Blick. Ich interessiere mich zunehmend weniger dafür, ob mir jemand sympathisch ist oder seine öffentliche Rolle besonders überzeugend spielt. Stattdessen frage ich mich, welche Fähigkeiten diese Menschen eigentlich für die Aufgaben mitbringen, die sie übernehmen wollen. Bei Manuel Hagel wird diese Frage besonders offensichtlich.

Manuel Hagel wirkt in der Dokumentation wie ein ausgesprochen netter Mann. Freundlich, unkompliziert, ordentlich. Einer, mit dem man gern zusammenarbeiten würde. Man kann ihm ohne Weiteres zutrauen, ein mittelständisches Unternehmen zu führen, vielleicht sogar ausgesprochen erfolgreich.

Die Kamera begleitet ihn durch den baden-württembergischen Wahlkampf. Man sieht einen Politiker, der sich bemüht, Menschen für sich einzunehmen, der seine Auftritte absolviert, Unterstützung organisiert und sich als künftiger Ministerpräsident empfiehlt. Und irgendwann stellt sich mir eine Frage, die mit seiner persönlichen Sympathie nichts zu tun hat: Warum eigentlich sollte gerade dieser Mann ein ganzes Bundesland führen?

Hagels Lebenslauf ist respektabel. Er hat eine Bankausbildung absolviert, sich weiterqualifiziert und schließlich eine Sparkassenfiliale geleitet. 2016 zog er in den baden-württembergischen Landtag ein, später wurde er Fraktionsvorsitzender und Landesvorsitzender der CDU. Bei der Landtagswahl 2026 wollte er Ministerpräsident werden. Inzwischen ist er Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident.

Das ist zweifellos eine erfolgreiche politische Karriere. Aber welche bisherigen Leistungen lassen erkennen, dass Hagel besonders gut dafür qualifiziert wäre, die Regierung eines der wirtschaftlich bedeutendsten Bundesländer Europas zu führen?

Natürlich kann er außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen, die sein Lebenslauf nicht unmittelbar erkennen lässt. Und seine jahrelange Arbeit als Fraktionsvorsitzender ist relevante politische Führungserfahrung. Es geht keineswegs darum, eine berufliche Herkunft geringzuschätzen oder Menschen ohne akademische Karriere von hohen Ämtern fernzuhalten. Entscheidend ist, welche nachweisbaren Erfahrungen und Leistungen wir als hinreichende Voraussetzung für eine außerordentlich anspruchsvolle Führungsaufgabe betrachten.

Cem Özdemir, der sich im Wahlkampf gegen Hagel durchsetzte, hat ursprünglich Sozialpädagogik studiert. Auch er besitzt keine spezielle Ausbildung zum Ministerpräsidenten. Aber er verfügt über drei Jahrzehnte parlamentarische Erfahrung, war Europaabgeordneter, Bundesvorsitzender der Grünen und Bundesminister. Seine Fähigkeiten lassen sich zumindest anhand einer langen Folge politischer Aufgaben und Verantwortlichkeiten beurteilen.

Auch das garantiert keine erfolgreiche Regierungsführung. Aber es bietet einen Maßstab, der über eine Karriere innerhalb einer Landespartei hinausgeht. Und es führt zu einer Frage, die weit über Manuel Hagel hinausreicht: Weshalb halten wir die Fähigkeit, innerhalb einer Partei erfolgreich zu sein, für einen so wichtigen Qualifikationsnachweis, wenn es um die Besetzung höchster politischer Führungspositionen geht?

Wer in einer Partei aufsteigen will, muss zunächst lernen, wie Parteien funktionieren. Er muss Ortsverbände überzeugen, Delegierte gewinnen, Parteitage überstehen, Loyalitäten aufbauen, Koalitionen schmieden und sich gegen innerparteiliche Konkurrenz durchsetzen. Er muss unterschiedliche Interessen ausgleichen, Mehrheiten organisieren und im richtigen Moment die richtigen Menschen auf seiner Seite haben. Das ist alles andere als einfach. Es kann sogar außerordentlich anspruchsvoll sein. Aber es ist eine eigene Disziplin.

In einem großen Unternehmen wird man normalerweise nicht Leiter der Entwicklung für Halbleitertechnologie, weil man sich besonders geschickt in der Unternehmenspolitik bewegt hat. Jedenfalls wird niemand ernsthaft behaupten, diese Fähigkeit genüge bereits als Qualifikation.

Natürlich gibt es auch in der Wirtschaft erstaunliche Karrieren, Seilschaften und Manager, die von einer Branche in die nächste wechseln. Man sollte die Rationalität unternehmerischer Personalentscheidungen nicht romantisieren. Trotzdem besteht bei vielen spezialisierten Führungspositionen eine nachvollziehbare Verbindung zwischen fachlicher Erfahrung, bisherigen Erfolgen und der Verantwortung, die jemand übernehmen soll. Wer die Entwicklung eines Arzneimittels verantwortet, hat sich in aller Regel über viele Jahre mit pharmazeutischer Forschung beschäftigt. Wer eine große Bank führt, kennt normalerweise das Bankgeschäft. Wer einen Technologiebereich leitet, hat idealerweise bewiesen, dass er dessen Märkte, Produkte und technischen Grundlagen versteht.

Im politischen System gibt es diese Verbindung nicht notwendigerweise. Eine erfolgreiche Parteilaufbahn kann jemanden an die Spitze eines Gesundheitsministeriums, eines Wirtschaftsressorts oder eines Verteidigungsministeriums bringen. Dabei spielt es keine zwingende Rolle, ob er sich zuvor über Jahre oder Jahrzehnte mit dem jeweiligen Fachgebiet beschäftigt hat.

Die politische Karriere ist gewissermaßen eine Parallelqualifikation. Sie bereitet Menschen darauf vor, politische Macht zu erlangen und auszuüben, ohne sie zwangsläufig auf die fachlichen Anforderungen eines bestimmten Regierungsamtes vorzubereiten.

Carsten Linnemann gehört zu den sympathischen Erscheinungen der Dokumentation. Er wirkt intelligent, offen und pragmatisch. Man nimmt ihm ab, dass er sich engagiert. Die Kamera begleitet ihn als Organisator und Strategen, der versucht, den politischen Betrieb am Laufen zu halten, Wahlkämpfe zu unterstützen und die Partei zusammenzuhalten.

Dann wird er Gesundheitsminister.

Linnemann ist promovierter Volkswirt. Er hat unter anderem bei Deutsche Bank Research und der IKB gearbeitet, bevor er 2009 in den Bundestag einzog. Später wurde er wirtschaftspolitischer Sprecher, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und schließlich Generalsekretär der CDU. Am 29. Juli 2026 übernahm er das Bundesgesundheitsministerium. Eine eindrucksvolle politische Laufbahn, aber keine ausgewiesene Karriere im Gesundheitswesen.

Bemerkenswert finde ich, dass Linnemann seinen fehlenden medizinischen Hintergrund keineswegs nur als Belastung betrachtet. Er hat sogar öffentlich erklärt, der Blick eines Ökonomen von außen könne bei seiner neuen Aufgabe ein Vorteil sein.

Das ist eine interessante Vorstellung. Aber ich halte sie auch für eine erstaunlich großzügige Interpretation fachlicher Qualifikation. Nach dieser Logik wäre ein Jurist besonders geeignet, weil im Gesundheitswesen zahlreiche Gesetze und Verordnungen gelten. Oder ein Mathematiker, weil es um Milliardenbeträge geht.

Ich habe selbst im Gesundheitswesen gearbeitet und weiß, wie außerordentlich komplex dieses System ist. Die Finanzierung von Krankenhäusern, die Organisation der ambulanten Versorgung, die Interessen der Krankenkassen, die Vergütungsstrukturen, die pharmazeutische Industrie, medizinische Innovationen, Pflege, Demografie und Versorgungsforschung. Jede einzelne dieser Welten besitzt ihre eigenen Regeln, Institutionen und wissenschaftlichen Grundlagen. Und sämtliche Bereiche sind miteinander verflochten.

Niemand wird zum Gesundheitsexperten, nur weil er Volkswirtschaft studiert hat. Linnemann muss natürlich kein Arzt sein. Ein Arzt wäre seinerseits nicht automatisch ein guter Gesundheitsminister. Aber zwischen diesen beiden Feststellungen liegt ein enormer Bereich möglicher fachlicher Qualifikationen, den wir bei der politischen Personalauswahl offenbar erstaunlich großzügig übergehen.

Besonders seltsam ist, dass wir bei anderen Ministerien ganz selbstverständlich anders denken.

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig ist Juristin. Sie hat als Richterin und Staatsanwältin gearbeitet, war im Bundesjustizministerium tätig, leitete eine Strafrechtsabteilung und wurde später Staatssekretärin. Ihr beruflicher Werdegang ist eng mit dem Ressort verbunden, das sie heute leitet.

Niemand würde sich darüber wundern. Im Gegenteil. Eine Justizministerin, die sich mit Recht auskennt, erscheint uns als etwas vollkommen Selbstverständliches. Offenbar haben wir gesellschaftlich akzeptiert, dass die Juristerei ein komplexes Fachgebiet ist, für dessen Verständnis man eine langjährige Ausbildung und entsprechende Erfahrung benötigt. Aber warum sollte das Gesundheitswesen weniger kompliziert sein? Oder die Energieversorgung? Das Rentensystem? Die Verteidigungspolitik?

Es ist eine eigentümliche Form der Selbstüberschätzung, wenn wir bei manchen Ressorts selbstverständlich besondere Fachkenntnisse erwarten und bei anderen meinen, politische Erfahrung werde schon ausreichen.

Interessanterweise scheint diese Einsicht bei der Digitalisierung inzwischen angekommen zu sein. Mit Karsten Wildberger hat die Bundesregierung einen Minister für Digitales und Staatsmodernisierung berufen, der zuvor jahrelang in Führungspositionen großer Technologie-, Telekommunikations- und Handelsunternehmen gearbeitet hat. Er war unter anderem im Vorstand von Vodafone, Telstra und E.ON tätig und zuletzt Vorstandsvorsitzender von Ceconomy und MediaMarktSaturn. Der CDU trat er erst im Mai 2025 bei, unmittelbar vor seiner Berufung zum Minister.

Offenbar erschien die Digitalisierung als eine so spezielle Angelegenheit, dass man dafür jemanden mit einschlägiger Berufserfahrung suchte. Nur warum ist die Digitalisierung ein Spezialgebiet, für das man besondere Kenntnisse benötigt, während man die Leitung eines Gesundheitssystems jemandem anvertrauen kann, der sich bislang vor allem mit Wirtschafts- und Parteipolitik beschäftigt hat?

Natürlich gibt es auch in anderen Ressorts Minister mit einschlägiger Erfahrung. Katherina Reiche hat beispielsweise viele Jahre in der Energiewirtschaft gearbeitet, bevor sie Wirtschaftsministerin wurde. Fachliche Qualifikation spielt in der Politik durchaus eine Rolle. Nur ist sie offenbar keine systematische Voraussetzung für die Besetzung der wichtigsten fachpolitischen Führungspositionen.

Der naheliegende Einwand lautet, dass Minister selbstverständlich nicht alles selbst wissen müssen. Dafür haben sie ihre Beamten, Abteilungsleiter, wissenschaftlichen Beiräte und externen Berater. Das ist richtig. Und doch steckt darin eine Vorstellung von Führung, die mir zunehmend fragwürdig erscheint.

Man stelle sich einen Minister vor, auf dessen Schreibtisch eine Entscheidungsvorlage liegt. Die zuständige Fachabteilung empfiehlt eine Maßnahme. Ein Branchenverband warnt vor erheblichen Nebenwirkungen. Wissenschaftler kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, die Haushaltsabteilung äußert Bedenken, und eine externe Beratung hat ein Konzept vorgelegt, das noch einmal andere Prioritäten setzt. Wie entscheidet der Minister?

Natürlich kann er sich alles erklären lassen. Dafür gibt es Briefings, Vorlagen und Gespräche. Aber Erklären und Verstehen sind zwei verschiedene Dinge.

Ich könnte mir von einem Physiker erklären lassen, wie die extrem ultraviolette Lithografie funktioniert, mit der hochmoderne Mikrochips hergestellt werden. Nach einer halben Stunde hätte ich vermutlich eine ungefähre Vorstellung davon, worum es geht. Ich wäre deshalb noch lange nicht in der Lage, die technologischen Entwicklungsmöglichkeiten dieses Verfahrens eigenständig zu beurteilen, unterschiedliche Investitionsstrategien gegeneinander abzuwägen oder zu erkennen, welche technischen Risiken in einer optimistisch formulierten Entscheidungsvorlage möglicherweise fehlen. Dafür bräuchte ich Fachkenntnisse, die sich andere Menschen über viele Jahre angeeignet haben.

Ähnlich verhält es sich mit der Gesundheitspolitik, dem Rentensystem oder der Energiewirtschaft. Wer ein Fachgebiet nicht wirklich kennt, kann die Argumente seiner Experten oft nur begrenzt unabhängig beurteilen. Er muss darauf vertrauen, dass ihm die entscheidenden Informationen gegeben werden, dass die richtigen Fragen gestellt wurden und dass die Empfehlungen auf tragfähigen Annahmen beruhen. Wenn mehrere Fachleute einander widersprechen, wird aus der fachlichen Entscheidung möglicherweise eine Vertrauensentscheidung.

Natürlich können auch fachfremde Führungskräfte gute Entscheidungen treffen. Gerade die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen, gehört zu guter Führung. Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich nicht jedes Detail meines Fachgebietes kenne oder ob ich dessen grundlegende Zusammenhänge selbst erst erlernen muss.

Wer entscheidet eigentlich in einem Ministerium, dessen politische Leitung die fachlichen Grundlagen ihrer Entscheidungen nicht ausreichend durchdringen kann? Formal ist die Antwort klar. Der Minister trägt die Verantwortung. Inhaltlich kann die Macht jedoch bei denjenigen liegen, deren Expertise er beurteilen muss, ohne selbst über eine vergleichbare Kompetenz zu verfügen. Das können hervorragend qualifizierte und integre Ministerialbeamte sein. Es können wissenschaftliche Berater sein. Es können aber auch Unternehmensberatungen, Interessengruppen oder Vertreter großer Wirtschaftsorganisationen sein. Politische Verantwortung und tatsächliche Wissensmacht können auf diese Weise auseinanderfallen.

Die Frage nach der Qualifikation einzelner Minister bekommt damit eine Dimension, die weit über die Besetzung eines Kabinettspostens hinausreicht.

Die Wirtschaft und die Technologie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit verändert.

Nehmen wir künstliche Intelligenz. An ihrer Entwicklung arbeiten einige der weltweit am höchsten spezialisierten Wissenschaftler und Ingenieure. Sie verfügen über gewaltige Rechenkapazitäten, milliardenschwere Budgets und Zugang zu Daten, die staatlichen Institutionen häufig nicht in vergleichbarer Form zur Verfügung stehen. Sie entwickeln Produkte, schaffen Märkte, verändern Geschäftsmodelle und beeinflussen damit Arbeitsmärkte, Bildungssysteme, die Medien, unsere Sicherheit und letztlich die Funktionsweise demokratischer Gesellschaften.

Auf der anderen Seite stehen die Regierungen. Sie müssen verstehen, welche Folgen diese Entwicklungen haben. Sie müssen Risiken erkennen, Marktmissbrauch verhindern, Innovation ermöglichen, gesellschaftliche Interessen ausgleichen und gegebenenfalls regulierend eingreifen. Dabei sind sie auf Informationen und Expertise angewiesen, die zu erheblichen Teilen gerade bei den Unternehmen konzentriert sind, deren Aktivitäten sie regulieren sollen.

Das ist eine strukturelle Wissensasymmetrie. Sie ist nicht neu. Auch die Regulierung der Eisenbahnen, der chemischen Industrie oder der Atomenergie stellte den Staat vor enorme fachliche Herausforderungen. Nur haben sich Geschwindigkeit und gegenseitige Abhängigkeit vieler Entwicklungen erheblich verändert.

Heute entstehen neue technische Möglichkeiten mitunter schneller, als ihre gesellschaftlichen Folgen auch nur annähernd verstanden werden können. Dazu kommt, dass die unterschiedlichen Entwicklungen miteinander verknüpft sind. Die Energieversorgung beeinflusst die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz beeinflusst den Energiebedarf. Halbleiterproduktion wird zur sicherheitspolitischen Frage. Medizinische Innovationen verändern die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Wer eine einzelne Entwicklung politisch steuern möchte, muss immer häufiger die anderen mitdenken.

Dass es sich dabei nicht nur um eine theoretische Sorge handelt, zeigt der OECD Regulatory Policy Outlook 2025. Die OECD beschreibt ausdrücklich die Informationsasymmetrien zwischen staatlichen Regulierungsbehörden und den Unternehmen, deren Technologien sie beurteilen sollen. In einer von ihr angeführten Untersuchung von 57 Regulierungsbehörden berichtete mehr als die Hälfte über Schwierigkeiten, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen, insbesondere in digitalen Fachgebieten. Als ein Problem benennt die OECD den Wettbewerb mit privaten Unternehmen, die hochqualifizierten Spezialisten häufig attraktivere Bedingungen bieten können.

Der Befund ist aufschlussreich, weil er die Kompetenzfrage über einzelne Minister hinaus erweitert. Selbst die Institutionen, auf deren Expertise die politische Führung angewiesen ist, haben in bestimmten Bereichen Schwierigkeiten, mit den Anforderungen Schritt zu halten. Natürlich arbeiten in deutschen Behörden zahlreiche hervorragend qualifizierte Menschen. Institutionen wie das Bundeskartellamt, die Bundesnetzagentur oder spezialisierte Bundesinstitute verfügen über Kompetenzen, die für unser Gemeinwesen unverzichtbar sind. Aber gerade diese Kompetenzen müssen mit einer Welt Schritt halten, deren fachliche Anforderungen fortlaufend wachsen.

Dass das nicht überall gelingt, zeigt ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz. Der dortige Rechnungshof untersuchte 2026 die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes und stellte erhebliche Mängel beim Einsatz externer Dienstleister fest. Teilweise waren Steuerungsaufgaben nicht ausreichend beim Land verblieben. Die Verwaltung konnte die erbrachten Leistungen nicht immer angemessen kontrollieren. Zudem fehlten in den Ressorts fachliche, organisatorische und technische Kompetenzen für die Durchführung von Digitalisierungsprojekten. Der Rechnungshof warnte ausdrücklich vor dauerhaften Abhängigkeiten von externer Beratung. Die Landesregierung kündigte daraufhin Verbesserungen an.

Man muss sich diese Situation einmal vor Augen führen: Ein Staat beauftragt externe Experten, weil ihm selbst bestimmte Fähigkeiten fehlen. Aber weil ihm diese Fähigkeiten fehlen, kann er die Arbeit seiner Experten nur unzureichend beurteilen. Externe Beratung kann eigenes Wissen ergänzen. Sie kann es auf Dauer aber nicht vollständig ersetzen, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Dabei steht auf der anderen Seite keineswegs eine Wirtschaft, die grundsätzlich klüger wäre als der Staat. Auch Unternehmen treffen Fehlentscheidungen, verfolgen kurzfristige Interessen und scheitern an selbst geschaffener Komplexität. Ein erfolgreicher Technologiekonzern versteht viel von seiner Technologie, aber nicht zwangsläufig etwas von ihren gesamtgesellschaftlichen Folgen.

Nur besitzt er häufig einen entscheidenden Vorteil: Er kann seine Ressourcen auf sehr spezifische Ziele konzentrieren.

Der Staat muss dagegen eine Vielzahl konkurrierender Interessen berücksichtigen. Er muss wissen, was technisch möglich, gesellschaftlich wünschenswert, wirtschaftlich tragfähig, rechtlich zulässig und demokratisch legitimiert ist. Das ist eine wesentlich umfassendere Aufgabe. Hinzu kommt, dass politische Entscheidungen Zeit benötigen, während Unternehmen neue Produkte entwickeln, Märkte erschließen und Geschäftsmodelle verändern. Regierungen müssen Sachverhalte prüfen, Experten anhören, Interessen abwägen, Gesetze formulieren und parlamentarische Mehrheiten organisieren.

Diese Verfahren sind keine überflüssigen bürokratischen Hindernisse. Sie gehören zum Wesen demokratischer Politik. Ihre Aufgabe besteht gerade darin, Entscheidungen nicht ausschließlich nach Geschwindigkeit, wirtschaftlichen Interessen oder technischer Machbarkeit zu treffen. Aber ihr Tempo trifft auf eine Wirklichkeit, die sich nicht an parlamentarischen Beratungsfristen orientiert.

So entsteht eine doppelte Herausforderung: Die Anforderungen an staatliche Entscheidungen wachsen, während staatliche Institutionen zugleich Mühe haben können, die dafür erforderliche Expertise dauerhaft aufzubauen und zu erhalten. Und an der Spitze dieser Institutionen stehen politische Führungskräfte, bei deren Auswahl einschlägige Fachkenntnisse keineswegs immer den Ausschlag geben.

Das sollte uns erheblich mehr beschäftigen als Philipp Amthors Strandkorb.

Schon Platon misstraute der Vorstellung, dass aus der Fähigkeit, politische Macht zu erlangen, automatisch die Fähigkeit erwächst, sie gut auszuüben. Seine Antwort war die Herrschaft der Philosophen, jener Menschen also, die nach seiner Vorstellung über besondere Erkenntnisfähigkeit verfügten. Das war keine besonders demokratische Idee. Aber die dahinterstehende Frage ist nach beinahe zweieinhalb Jahrtausenden erstaunlich aktuell geblieben.

Die moderne Demokratie hat gute Gründe, politische Macht nicht von einem besonderen Bildungsabschluss oder einer vermeintlich überlegenen Intelligenz abhängig zu machen. Demokratische Legitimation beantwortet allerdings zunächst die Frage, wer entscheiden darf. Ob dieser Mensch besonders gut dazu befähigt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Natürlich wäre eine Regierung aus lauter Fachwissenschaftlern keine Lösung. Ein General muss nicht der beste Verteidigungsminister sein, ein hervorragender Arzt nicht der beste Gesundheitsminister. Politische Führung verlangt die Fähigkeit, widerstreitende Interessen auszugleichen, gesellschaftliche Entscheidungen zu verantworten und demokratische Mehrheiten zu organisieren. Sie ist eine eigenständige Kompetenz. Aber weshalb sollten wir daraus schließen, dass einschlägiges Fachwissen für diese Aufgaben verzichtbar wäre?

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung: politische Führungskompetenz und außergewöhnliche Sachkenntnis miteinander zu verbinden, anstatt die eine als Ersatz für die andere zu betrachten.

Vielleicht ist es aber auch ungerecht, von unseren Politikern plötzlich so viel mehr zu verlangen. Schließlich waren die Menschen, die in früheren Jahrzehnten regierten, ebenfalls nicht frei von persönlichen Schwächen, mangelndem Fachwissen oder fragwürdigen Entscheidungen. Nur hatten sie einen entscheidenden Vorteil: Wir konnten ihnen nicht permanent bei der Arbeit zusehen.

Wir kannten ihre Reden, ihre öffentlichen Auftritte und die Bilder, die sie von sich vermitteln wollten. Wie sie sich im Büro verhielten, welche Witze sie erzählten und wie sie auf persönliche Niederlagen reagierten, blieb der Öffentlichkeit häufig verborgen. Heute stehen Politiker unter permanenter Beobachtung. Eine missglückte Bemerkung, eine unglückliche Geste oder ein Strandkorb können innerhalb weniger Stunden zum Gegenstand einer bundesweiten Diskussion werden.

Vielleicht ist ein Teil der Irritation über „Inside CDU“ also schlicht das Ergebnis eines ungewöhnlich ungeschützten Blicks auf Menschen, die wir bislang nur in ihrer professionellen Selbstdarstellung erlebt haben.

Zugleich haben sich unsere Erwartungen an politische Führung verändert. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass die Dinge nicht mehr richtig funktionieren. Die Wirtschaft stagniert, die Industrie muss sich neu erfinden, das Rentensystem steht unter Druck, im Gesundheitswesen wächst der Reformbedarf, die internationale Sicherheitsordnung verändert sich und technologische Entwicklungen stellen vertraute Gewissheiten infrage.

Manche dieser Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt. Andere haben sich in jüngster Zeit erheblich verschärft. Vor allem aber erleben wir sie heute in einer nahezu ununterbrochenen Gleichzeitigkeit. Jede politische Krise, jede wirtschaftliche Bedrohung und jede technologische Umwälzung wird medial präsent, oft lange bevor ihre tatsächlichen Folgen absehbar sind.

Daraus entsteht ein gesellschaftliches Gefühl permanenter Gefährdung. Wir leben mit einer Vielzahl realer Krisen und zugleich mit einer psychologisch verdichteten Vorstellung, dass nahezu alles gleichzeitig in die falsche Richtung läuft. In einer solchen Situation verändert sich, was wir von Politikern erwarten.

Der sympathische Politiker von nebenan, der unsere Sorgen kennt, unsere Sprache spricht und sich für seine Heimat engagiert, war lange ein überzeugendes demokratisches Ideal. Heute sehnen wir uns möglicherweise nach etwas anderem: nach Menschen, die außergewöhnlich intelligent sind, komplizierte Zusammenhänge verstehen, eine überzeugende Vorstellung von der Zukunft besitzen und den Eindruck vermitteln, dass sie auch sehr schwierige Probleme bewältigen können.

Barack Obama verkörperte für viele Menschen diese Vorstellung politischer Größe. Ein charismatischer Präsident, ein beeindruckender Redner, umgeben von einem hochqualifizierten Stab. Jemand, der Zusammenhänge verständlich machen und einer Gesellschaft Orientierung geben konnte.

Natürlich war auch dieses Bild das Ergebnis professioneller politischer Kommunikation. Man stelle sich nur vor, ein Kamerateam hätte Obama und seine Mitarbeiter über Monate hinweg in ihrem Arbeitsalltag begleitet. Vermutlich hätte man auch dort ungeschickte Bemerkungen, persönliche Eitelkeiten, organisatorische Missgeschicke und allerlei menschliche Banalitäten entdeckt. Selbst die klügsten Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihres Berufslebens mit Sitzungen, Terminproblemen und Entscheidungen, deren Bedeutung sich erst im Nachhinein zeigt.

Möglicherweise vergleichen wir also die ungeschminkte Normalität deutscher Politik mit einer Vorstellung außergewöhnlicher amerikanischer Führung, die selbst zu einem beträchtlichen Teil medial hergestellt wurde. Vielleicht erwarten wir inzwischen politische Superhelden, die es in dieser Form gar nicht gibt.

Aber daraus folgt noch nicht, dass wir unsere Ansprüche reduzieren sollten. Man muss keine makellosen Menschen erwarten, um besondere Fähigkeiten verlangen zu dürfen. Gerade in einer Zeit, in der politische Entscheidungen immer größere fachliche Anforderungen stellen, erscheint es vernünftig, bei der Besetzung politischer Führungspositionen stärker auf nachweisbare Kompetenzen und bisherige Leistungen zu achten.

Dabei sollten wir genauer unterscheiden, was uns an einer politischen Persönlichkeit eigentlich beeindruckt. Charisma ist eine großartige Fähigkeit. Es hilft, Menschen für Ideen zu gewinnen, Vertrauen herzustellen und gesellschaftliche Entwicklungen zu erklären. Aber Charisma ist kein Ersatz für Kompetenz. Und Kompetenz wiederum ist nicht automatisch mit Charisma verbunden.

Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich beides. An der Spitze Menschen, die eine überzeugende Vorstellung von der Zukunft entwickeln und eine Gesellschaft dafür gewinnen können. Und an den entscheidenden fachpolitischen Schaltstellen Persönlichkeiten, die auf ihren jeweiligen Gebieten über außergewöhnliche Kenntnisse und Erfahrungen verfügen.

Natürlich könnte man all das als Kritik an der CDU verstehen. Schließlich ist es ihre Parteizentrale, deren Alltag wir beobachten. Ihre Politiker werden bei Wahlkämpfen begleitet, ihre Personalentscheidungen dokumentiert und ihre Kommunikationsstrategien sichtbar.

Aber das wäre eine ziemlich bequeme Interpretation.

Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass eine vergleichbare Dokumentation über die SPD, die Grünen oder eine andere Partei ebenfalls zahlreiche Szenen hervorbringen würde, die uns amüsieren, irritieren oder erschrecken. Man würde engagierte Menschen kennenlernen, die sich mit großer Leidenschaft für ihre politischen Überzeugungen einsetzen. Menschen, die anderen zuhören können, und solche, die vor allem sich selbst gern reden hören. Man würde persönliche Eitelkeiten beobachten, organisatorische Missgeschicke und den gelegentlich absurden Aufwand, mit dem politische Botschaften in die Öffentlichkeit gebracht werden.

Und man würde wahrscheinlich feststellen, dass politische Karrieren in allen Parteien nach ähnlichen Grundmechanismen funktionieren. Das bedeutet keineswegs, dass sämtliche Parteien über gleich qualifiziertes Personal verfügen oder ihre politischen Programme gleichwertig wären. Es bedeutet nur, dass die Mechanismen, mit denen Menschen innerhalb politischer Organisationen aufsteigen, nicht auf die CDU beschränkt sind.

Die Menschen, die uns regieren oder regieren wollen, sind gewöhnliche Menschen. Viele von ihnen geben sich große Mühe. Sie arbeiten hart, sind politisch erfahren, übernehmen Verantwortung und versuchen, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Und möglicherweise liegt genau darin die eigentliche Tragik. Denn was, wenn diese Menschen tatsächlich ihr Bestes geben und dieses Beste angesichts der Herausforderungen unserer Zeit trotzdem nicht mehr ausreicht?

Wir erklären politisches Scheitern gern moralisch. Politiker seien faul, unehrlich, eigennützig oder hätten den Kontakt zur Bevölkerung verloren. Das mag im Einzelfall zutreffen. Aber es ist eine Erklärung, die uns die Sache erstaunlich einfach macht. Wir müssen nur die schlechten Menschen durch bessere ersetzen, und schon wird alles gut.

Schwieriger wird es, wenn wir unterstellen, dass viele Verantwortliche aufrichtig handeln und sich ernsthaft bemühen. Dass sie die Probleme durchaus lösen wollen, aber möglicherweise nicht über alle Fähigkeiten verfügen, die dafür nötig wären. Dann lässt sich das Problem nicht durch ein paar neue Gesichter lösen. Dann müssten wir über die Regeln nachdenken, nach denen politische Karrieren entstehen, Ministerien besetzt und staatliche Institutionen mit fachlichen Kompetenzen ausgestattet werden.

Auch unsere Erwartungen und Wahlentscheidungen gehören zu dieser Betrachtung. Wir wählen Politiker nicht ausschließlich nach fachlicher Qualifikation. Wir lassen uns von Sympathie überzeugen, von Vertrauen, von Parteibindungen, politischen Überzeugungen und öffentlichen Bildern. Wir wünschen uns Menschen, die unsere Sprache sprechen und unsere Lebenswirklichkeit kennen. Das ist legitim. Politische Repräsentation bedeutet schließlich mehr, als hochqualifizierte Spezialisten in Führungspositionen zu bringen.

Aber fragen wir eigentlich ausreichend danach, welche Fähigkeiten diese Menschen besitzen? Welche Probleme haben sie bereits erfolgreich gelöst? Welche Erfahrungen befähigen sie, Entscheidungen von enormer gesellschaftlicher Tragweite zu treffen?

Allerdings sind auch die Wähler nur begrenzt in der Lage, diese Fragen zu beantworten. Sie wählen Parteien und Abgeordnete. Welche Ministerien anschließend mit welchen Personen besetzt werden, entscheiden andere. Die fachliche Qualifikation künftiger Minister steht selten auf dem Wahlzettel.

Vielleicht sollten wir auch in der politischen Kommunikation häufiger über diese Fragen nachdenken. Als Politikberater beschäftige ich mich seit vielen Jahren damit, wie politische Persönlichkeiten wahrgenommen werden, wie man Menschen für Ideen gewinnt und wie aus Überzeugungen politische Mehrheiten entstehen. Ich halte diese Arbeit für wichtig. Gute politische Kommunikation kann komplexe Zusammenhänge verständlich machen und gesellschaftliche Debatten ermöglichen.

Aber sie kann keine fehlende Kompetenz ersetzen. Eine überzeugende Inszenierung ist kein Nachweis guter Regierungsführung, eine hervorragend geführte Wahlkampagne keine Qualifikation für die Leitung eines hochkomplexen Ministeriums.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Erkenntnis, die ich aus „Inside CDU“ mitnehme. Die Dokumentation zeigt weder eine Ansammlung von Idioten noch eine Versammlung überragender Köpfe. Sie zeigt Menschen, wie man ihnen auch anderswo begegnen könnte. Manche beeindrucken, andere irritieren, einige mag man sofort. Das ist zunächst eine erfreuliche Erinnerung daran, dass politische Macht nicht von einer besonderen Spezies ausgeübt wird.

Aber in einer Welt, deren wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Komplexität mit enormer Geschwindigkeit wächst, stellt sich die Frage, ob die traditionellen Mechanismen politischer Personalgewinnung noch ausreichend funktionieren. Ob eine erfolgreiche Parteilaufbahn tatsächlich genügend über die Fähigkeit aussagt, ein hochkomplexes Gemeinwesen zu führen. Und ob wir diese Frage vielleicht viel zu selten stellen, weil wir uns damit begnügen, dass jemand überzeugend auftritt oder unsere politischen Überzeugungen teilt.

Das eigentlich Beunruhigende an „Inside CDU“ ist nicht, dass dort so viele ganz normale Menschen Politik machen. Sondern dass wir ihnen Aufgaben anvertrauen, für die Normalität vielleicht nicht mehr ausreicht.

Die vierteilige zweite Staffel von „Inside CDU“ ist seit dem 22. September 2026 kostenlos beim ZDF verfügbar. Auch die erste Staffel kann dort angesehen werden.

„Inside CDU“: Beide Staffeln beim ZDF ansehen

Über den Autor

Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege. Seit über 25 Jahren arbeitet er für Unternehmen, Institutionen und Organisationen, die etwas Wichtiges tun – und dafür die richtigen Worte brauchen. Kommunikation kennt er aus drei Perspektiven: als Marketingleiter inhouse, als Berater und als Geschäftsführer zweier Agenturen.
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