Mein Sohn lernt Altgriechisch. Er ist zwölf und damit in einem Alter, in dem man sich einer toten Sprache mit einem Ernst widmen kann, der einem Erwachsenen für gewöhnlich nur noch bei Steuerbescheiden oder medizinischen Befunden zur Verfügung steht.
Also gingen wir gemeinsam in Christopher Nolans „Odyssee“.
Schon diese Konstellation hatte etwas leicht Unwahrscheinliches: auf der einen Seite ein fast 3.000 Jahre alter Stoff, auf der anderen die aufwendigste Maschinerie des modernen Kinos. Dazwischen mein Sohn, der einzelne Begriffe aus dem Unterricht wiedererkannte.
Dann begann der Film.
Schiffe fuhren aus. Männer kämpften. Götter griffen ein oder schwiegen auf bedrohliche Weise. Das Meer tat, was das Meer in großen Erzählungen seit jeher tut: Es zeigte dem Menschen, wie gering dessen Einfluss auf den Fortgang der Dinge tatsächlich ist.
Und irgendwann, nach dem Film, sprachen wir darüber, dass Homer eigentlich schon alles hatte.
Am Anfang war nicht Marvel
Es ist natürlich eine leichte Ungerechtigkeit, Homer mit Marvel zu vergleichen. Schon weil Homer sich dagegen nicht mehr wehren kann.
Und doch ist der Gedanke nicht ganz falsch.
Die „Odyssee“ enthält beinahe das gesamte Inventar des heutigen Unterhaltungskinos: den gezeichneten Helden, die gefährliche Reise, übernatürliche Gegner, Verführung, Verrat, Identitätswechsel, Vater-Sohn-Konflikt, Kriegstrauma, Heimkehr und eine ziemlich gründliche Schlussabrechnung.
Es gibt Monster. Es gibt Special Effects, nur mussten sie damals im Kopf des Publikums stattfinden. Es gibt eine lange Vorgeschichte, Rückblenden, falsche Namen und einen Protagonisten, der im entscheidenden Augenblick seine Herkunft enthüllt.
Selbst die Fortsetzungslogik ist bereits angelegt. Wer den Trojanischen Krieg überstanden hat, bekommt nicht etwa Ruhe, sondern zehn weitere Jahre Handlung.
Von Homer zu Marvel führt daher keine gerade Linie. Aber beide wissen, dass Menschen sich gern von Helden erzählen lassen, die größer sind als sie selbst und ihnen zugleich in ihren Schwächen merkwürdig vertraut erscheinen.
Ein Held, der sich selbst im Weg steht
Odysseus ist kein Held nach modernen Reinheitsvorschriften.
Er ist mutig, aber nicht immer vernünftig. Er ist klug, aber seine Klugheit schützt ihn nicht vor Eitelkeit. Er kann sich aus nahezu jeder Gefahr herausreden und redet sich unmittelbar danach in die nächste hinein.
Nachdem er dem Zyklopen entkommen ist, könnte er einfach davonsegeln. Stattdessen ruft er ihm noch seinen wirklichen Namen zu. Der Held möchte nicht nur gewinnen. Er möchte, dass der Besiegte weiß, von wem er besiegt wurde.
Das ist menschlich, also verhängnisvoll.
Odysseus gehört zu jenen Figuren, die einen Teil ihrer Katastrophen selbst produzieren und anschließend sehr überzeugend unter ihnen leiden. Vielleicht ist er uns deshalb näher als viele makellose Helden unserer Zeit.
Ein vollkommen guter Mensch wäre als Begleiter durch ein Epos vermutlich auch schwer erträglich. Nach wenigen Gesängen würde man sich nach einem Fehler sehnen, notfalls nach einer unangemessenen Bemerkung.
Odysseus dagegen ist erfinderisch, grausam, treu, untreu, fürsorglich, selbstbezogen und erschöpft. Er trägt viele Eigenschaften gleichzeitig, wie echte Menschen es zu ihrem eigenen Nachteil nun einmal tun.
Das eigentliche Abenteuer heißt Heimkehr
Zunächst wirkt die „Odyssee“ wie eine Reisegeschichte. Ein Mann versucht, von Troja nach Ithaka zu gelangen, und benötigt dafür eine Zeitspanne, in der andere ganze Reiche gründen.
Doch die Entfernung ist nicht das eigentliche Problem.
Odysseus hat zehn Jahre Krieg und zehn Jahre Irrfahrt hinter sich. Als er endlich nach Ithaka gelangt, ist die Heimat noch da, aber sie erkennt ihn nicht. Und er selbst erkennt sie nur vorsichtig, fast misstrauisch wieder.
Er kehrt nicht als König zurück, sondern als Fremder.
Das ist vielleicht der modernste Gedanke der Geschichte: dass man einen Ort erreichen kann, ohne wirklich bei ihm anzukommen. Dass Heimkehr keine Bewegung im Raum ist, sondern eine Prüfung der eigenen Identität.
Odysseus will zu seiner Frau, zu seinem Sohn, zu seinem Haus. Doch zwischen dem Mann, der aufbrach, und dem Mann, der zurückkehrt, liegen Krieg, Gewalt, Verlust und zwanzig Jahre Erfahrung.
Man kann nach einem solchen Weg nicht einfach die Tür öffnen und an der früheren Stelle seines Lebens weitermachen.
Die Frage lautet daher nicht nur: Kommt Odysseus nach Hause?
Sie lautet: Wer kommt dort eigentlich an?
Der Sohn, der seinen Vater aus Geschichten kennt
Neben mir saß mein zwölfjähriger Sohn.
Im Film sucht Telemachos nach einem Vater, den er kaum kennt. Odysseus zog in den Krieg, als sein Sohn noch sehr klein war. Der Vater existiert für ihn zunächst weniger als Person denn als Erzählung.
Er ist Name, Gerücht und Erwartung.
Das ist für einen Sohn eine schwierige Erbschaft. Er soll dem Bild eines Mannes entsprechen, der durch seine Abwesenheit immer größer geworden ist. Gegen einen anwesenden Vater kann man rebellieren. Gegen einen Mythos ist das erheblich komplizierter.
Vielleicht ist die „Odyssee“ deshalb nicht nur eine Geschichte über Heimkehr, sondern auch über die Zumutung, die Eltern für ihre Kinder darstellen.
Die Eltern verlassen das Haus, führen Kriege, haben Aufgaben und Gründe. Die Kinder bleiben zurück und sollen aus der Abwesenheit eine Biografie bauen.
Als Odysseus und Telemachos sich schließlich begegnen, treffen nicht einfach Vater und Sohn aufeinander. Es treffen ein Mythos und derjenige aufeinander, der mit ihm leben musste.
Mein Sohn verfolgte diese Geschichte vermutlich anders als ich. Er sah den Sohn, der handeln will. Ich sah den Vater, der zu spät kommt.
Es war derselbe Film, aber die Sitzplätze nebeneinander garantieren bekanntlich noch keine identische Perspektive.
Die Götter und wir
Antike Helden lebten in einer Welt, in der Götter eingriffen. Sie schickten Stürme, verliehen Schutz, erzeugten Verlangen und verhinderten Heimreisen.
Das war nicht praktisch, aber immerhin eindeutig.
Der moderne Mensch hat die Götter weitgehend abgeschafft und ihre Zuständigkeiten auf Psychologie, Biografie und gesellschaftliche Umstände verteilt. Wo Athene hilft, sprechen wir von Resilienz. Wo Poseidon verfolgt, diagnostizieren wir ein unverarbeitetes Trauma.
Nolan erzählt die „Odyssee“ deshalb zwangsläufig für eine Zeit, die im Übernatürlichen gern das Innere des Menschen erkennt.
Aus göttlichem Zorn wird seelische Beschädigung. Aus Schicksal wird Charakter. Aus Fluch wird Vergangenheit.
Dabei geht etwas von der Fremdheit Homers verloren. Aber eine Verfilmung, die diese Fremdheit vollständig bewahren wollte, wäre vermutlich nur für Altphilologen wirklich vertraut und für alle anderen ausgesprochen sonderbar.
Jede Zeit übersetzt ihre Mythen in die Begriffe, an die sie selbst glaubt.
Weshalb die Geschichte nicht stirbt
Fast 3.000 Jahre sind eine unvorstellbare Zeitspanne.
Die „Odyssee“ entstand in einer Welt ohne Kino, ohne Buchdruck und ohne unsere Vorstellung von Autorschaft. Sie wurde mündlich erzählt, verändert, weitergegeben und schließlich schriftlich festgehalten.
Dass sie heute noch existiert, ist kein Wunder ihrer Unveränderlichkeit.
Sie überlebt gerade deshalb, weil sie verändert wurde.
Jede Epoche hat ihren eigenen Odysseus geschaffen. Mal war er der listige Held, mal der Entdecker, mal der Kolonialist, mal der traumatisierte Heimkehrer. Joyce ließ ihn durch Dublin wandern. Andere machten aus ihm einen Abenteurer, einen Betrüger oder den ersten modernen Menschen.
Nun gibt Christopher Nolan ihm die Bilder des gegenwärtigen Blockbusterkinos.
Man kann fragen, ob dabei zu viel Homer verloren geht. Man kann fragen, ob die Götter zu klein, die Psychologie zu groß oder die Bilder zu überwältigend geraten sind.
Aber schon die Tatsache, dass wir diese Fragen stellen, zeigt die Lebendigkeit des Stoffes.
Über tote Geschichten streitet niemand.
Auf dem Heimweg
Nach dem Film redeten mein Sohn und ich über das Alter der Geschichte.
Fast 3.000 Jahre.
Damals wurde sie Menschen erzählt, die in einer Welt lebten, deren Alltag uns fremder ist als die Oberfläche eines anderen Planeten. Und doch verstanden sie offenbar die Angst vor Verlust, die Sehnsucht nach Zuhause, die Verlockung des Ruhms und die Schwierigkeit, Vater und Sohn zu sein.
Vielleicht verändert sich der Mensch langsamer als seine Technik.
Das Kino kann inzwischen Meere erschaffen, Schiffe versenken und Monster zeigen, die einst nur aus Sprache bestanden. Aber es erzählt noch immer von Menschen, die aufbrechen, sich verirren und nach Hause wollen.
Mein Sohn hatte im Film Abenteuer gesehen. Ich hatte Zeit gesehen.
Die Jahre, die vergehen. Die Menschen, die warten. Den Vater, der zu spät zurückkommt. Den Sohn, der inzwischen kein Kind mehr ist.
Und plötzlich war die „Odyssee“ keine ferne antike Geschichte mehr.
Sie war das Gespräch zwischen einem Vater und seinem Sohn auf dem Heimweg aus dem Kino.
