Den Holocaust hat es nie gegeben
Der Satz, der stören sollte
Es gibt Kampagnen, die man nicht vergisst, weil sie schön waren.
Und es gibt Kampagnen, die man nicht vergisst, weil sie etwas riskiert haben.
Die Kampagne für den Förderkreis Holocaust Denkmal gehört für mich in die zweite Kategorie. Sie begann mit einem Satz, den man eigentlich nicht auf einem Plakat sehen will: „Den Holocaust hat es nie gegeben.“ Ein Satz der Leugnung, der Verdrängung, der Gewalt gegen Erinnerung. Und genau deshalb stand er dort.
Nicht als Provokation um der Provokation willen. Sondern als Störer.
Als sichtbare Inszenierung dessen, wogegen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas errichtet werden sollte: gegen das Vergessen, gegen die Verharmlosung, gegen die bequeme innere Bewegung, Geschichte irgendwann für erledigt zu erklären. Die Subline führte die Zumutung zurück in ihren eigentlichen Sinn: Es gibt immer noch viele, die das behaupten. Deshalb braucht es Erinnerung. Deshalb braucht es dieses Denkmal. Deshalb braucht es Unterstützung.
Die Kampagne gehört auch deshalb zu den prägenden Projekten meiner frühen Laufbahn, weil ich sie selbst mitentwickelt habe. Damals war ich bei der Agentur im stall. Die Idee entstand als Pro-bono-Projekt gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von dort sowie zwei weiteren Agenturen. Es war also keine klassische Auftragsarbeit mit sauberem Briefing, Budget und langer Abstimmungsschleife, sondern ein Eingriff aus Überzeugung: Wir wollten helfen, Aufmerksamkeit und Unterstützung für das Holocaust-Denkmal zu schaffen.
Genau das machte die Arbeit so besonders. Sie kam nicht aus der Routine. Sie kam aus einer Haltung.
Später ergaben sich daraus viele weitere Projekte für Lea Rosh und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Aus einer einzelnen Kampagne wurde eine längere Auseinandersetzung mit der Frage, wie Erinnerung öffentlich wirksam werden kann. Wie man für ein Denkmal kommuniziert, das selbst schon eine Zumutung sein wollte. Und wie man Sprache findet für ein Thema, das sich jeder glatten Kampagnenlogik entzieht.
Für mich war dieses Projekt ein früher, prägender Beweis dafür, was politische Kommunikation und Kulturkommunikation leisten können, wenn sie nicht aus Routine entstehen, sondern aus Verantwortung. Und es war eines der Projekte, durch die sich mein beruflicher Weg an der Schnittstelle von Geschichte, Öffentlichkeit und Kommunikation früh verdichtet hat.
Ich bin Historiker und Politologe. Später habe ich das Gedenkportal Zukunft braucht Erinnerung mitgegründet und ein Buch über antisemitische Propaganda im nationalsozialistischen Film geschrieben: „Antisemitismus im nationalsozialistischen Film: Jud Süß und Der ewige Jude“. Aber die Grundfrage war schon damals da: Wie bleibt Geschichte öffentlich wirksam? Wie verhindert man, dass Erinnerung zur Formel wird? Wie bringt man Menschen dazu, nicht nur zuzustimmen, sondern innerlich kurz stehenzubleiben?
Diese Kampagne hat das nicht mit moralischer Belehrung versucht. Sie hat keine Betroffenheitsästhetik produziert. Sie hat einen Riss erzeugt.
Das war ihre Kraft.
In der deutschen Erinnerungslandschaft brach dieser Satz bewusst die Idylle. Er machte sichtbar, was sonst oft unsichtbar bleibt: dass Erinnerung nicht nur gegen Unwissen arbeitet, sondern gegen aktive Verdrängung, gegen Leugnung, gegen politische und psychologische Abwehr.
Aber der Erfolg dieser Kampagne lag für mich nicht nur in ihrer Reichweite.
Er lag darin, dass sie eine gesellschaftliche Spannung auf den Punkt brachte. Sie zeigte: Erinnerungskultur ist keine dekorative Pflicht. Sie ist Konfliktarbeit. Sie muss aushalten, dass das, woran erinnert wird, nicht abgeschlossen ist. Dass Antisemitismus nicht nur historisches Material ist. Dass Leugnung, Relativierung und Abwehr keine Randphänomene sind, sondern immer wieder neue Formen finden.
Vielleicht hat mich genau das an diesem Feld nie losgelassen.
Wer sich mit NS-Propaganda beschäftigt, verliert den naiven Blick auf Kommunikation. Man versteht, dass Bilder nicht harmlos sind. Dass Sätze Wirklichkeit ordnen. Dass Wiederholung Denkbahnen schafft. Dass Entmenschlichung nicht mit Gewalt beginnt, sondern mit Sprache, Bildern, Codes, Erzählungen.
Deshalb interessieren mich Projekte an der Schnittstelle von Geschichte, Öffentlichkeit und Kommunikation besonders. Sie verlangen mehr als Kreativität. Sie verlangen Wissen, Haltung, Genauigkeit und ein Gespür dafür, wann Sprache erklären muss und wann sie stören darf.
Die Kampagne für das Holocaust-Denkmal war in diesem Sinne kein normaler Spendenaufruf.
Sie war ein Eingriff in die öffentliche Wahrnehmung.
Sie hat gezeigt, dass Kulturmarketing und Public Affairs dann stark werden, wenn sie nicht nur Aufmerksamkeit erzeugen, sondern Bedeutung freilegen. Wenn sie einem gesellschaftlichen Anliegen eine Form geben, die nicht glatt ist, sondern notwendig.
Für mich zieht sich von dort eine Linie bis heute: zu meiner Arbeit für Erinnerungsprojekte, für Kulturinstitutionen, für NGOs und für Organisationen, die gesellschaftliche Bedeutung vermitteln müssen. Gute Kommunikation macht solche Bedeutung nicht kleiner. Sie macht sie sichtbar, anschlussfähig und wirksam.
Manchmal durch Einladung.
Manchmal durch Erklärung.
Und manchmal durch einen Satz, der wehtut, weil er zeigen muss, was nicht vergessen werden darf.
Mehr dazu:
- Wie sich diese Erfahrung in einer grundsätzlichen Reflexion über Erinnerungskultur und Kommunikation verdichtet hat, habe ich aus aktuellem Anlass beschrieben: Erinnerungskultur und Kommunikation: zur Pogromnacht.
- Gedenkportal: Zukunft braucht Erinnerung
- Buch: Antisemitismus im nationalsozialistischen Film: Jud Süß und Der ewige Jude
Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege mit über 25 Jahren Erfahrung. Er berät Stiftungen, NGOs, Kulturinstitutionen, Gedenkstätten und politische Bildungsträger in strategischer Kommunikation. Mehr in den Übersichten zu Kulturmarketing, NPO & Sozialmarketing und Politikberatung & Public Affairs.