75 Jahre Pogromnacht: Erinnerung ist keine Rückschau. Sie ist Gegenwartsarbeit.

Pogromnacht Kampagne Berlin

Anlässlich des 75. Jahrestags der Pogromnacht hat Public Marketing einen Beitrag über die kommunikative Begleitung des Gedenkens veröffentlicht. Für mich ist das mehr als ein redaktioneller Anlass.

Es gibt Projekte, die liegen näher an meinem beruflichen und persönlichen Kern als andere. Das Gedenkportal Zukunft braucht Erinnerung gehört dazu. Ich habe es mitgegründet, weil mich die Frage nie losgelassen hat, wie Geschichte öffentlich wirksam bleibt. Nicht als Pflichtübung. Nicht als ritualisierte Gedenkformel. Sondern als lebendiges Wissen darüber, wozu Menschen fähig sind, wozu Institutionen fähig sind, wozu Sprache fähig ist.

Ich bin Historiker und Politologe, habe an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg studiert und meinen Forschungsschwerpunkt auf die Nutzung von Propaganda und Kommunikationsstrategien im Dritten Reich gelegt. In meinem Buch „Antisemitismus im nationalsozialistischen Film: Jud Süß und Der ewige Jude“ habe ich mich intensiv mit zwei zentralen Propagandafilmen des Nationalsozialismus beschäftigt. Wer sich einmal ernsthaft mit antisemitischer Propaganda beschäftigt hat, verliert den naiven Blick auf Kommunikation. Man versteht, dass Bilder nicht harmlos sind. Dass Sprache Wirklichkeit ordnet. Dass Wiederholung Gewalt vorbereiten kann. Dass Erzählungen Menschen entmenschlichen können, lange bevor ihnen körperlich Gewalt angetan wird.

Vielleicht kommt daher mein besonderes Interesse an Projekten der Erinnerungskultur.

Sie sind für mich keine Sonderform von Kulturkommunikation. Sie sind einer ihrer ernstesten Fälle.

Denn Erinnerung muss vermitteln, ohne zu vereinfachen. Sie muss zugänglich sein, ohne das Schreckliche handlich zu machen. Sie muss Fakten sichern, aber zugleich Menschen erreichen. Sie braucht historische Genauigkeit, politische Wachheit und kommunikative Form.

Genau an dieser Schnittstelle arbeite ich besonders gern: Geschichte, Öffentlichkeit, Bildung, Haltung, digitale Vermittlung.

Bei Zukunft braucht Erinnerung ging es von Anfang an darum, einen digitalen Ort zu schaffen, an dem historische und politische Bildung erreichbar bleibt. Für Schüler, Lehrkräfte, Studierende, Interessierte. Für Menschen, die nach Begriffen suchen. Nach Einordnung. Nach Biografien. Nach Zusammenhängen. Nach der Frage, was Vergangenheit mit Gegenwart zu tun hat.

Das Portal arbeitet heute mit über 200 ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren. Es wurde für den Grimme Online Award nominiert und vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet. Was uns damals vorschwebte und was wir bis heute weiterführen, ist eine Form von Bildungsarbeit, die nicht institutionell schwer ist, sondern offen, vernetzt, anschlussfähig.

Das klingt heute selbstverständlich. War es aber nicht.

Als solche Projekte entstanden, war das Internet noch nicht der überfüllte Raum, der es heute ist. Es war eine Möglichkeit. Ein Versprechen. Vielleicht sogar eine demokratische Hoffnung: Wissen zugänglich machen, Erinnerung dezentralisieren, historische Bildung aus den geschlossenen Räumen herausholen.

Solche Projekte sind genau mein Ding.

Weil sie Substanz brauchen.

Weil sie Haltung brauchen.

Weil sie Kommunikation brauchen, die sich nicht selbst wichtig nimmt, sondern dem Thema dient.

Und weil sie zeigen, dass gute Kommunikation im gemeinnützigen, kulturellen und politischen Raum mehr ist als Sichtbarkeit. Sie ist Übersetzung. Sie ist Verantwortung. Sie ist die Arbeit daran, dass etwas nicht verschwindet, nur weil es nicht laut genug ist.

Gerade heute ist das wichtiger denn je. Erinnerungskultur steht unter Druck. Durch Ermüdung. Durch Relativierung. Durch digitale Verkürzung. Durch neue Formen des Antisemitismus. Durch eine Öffentlichkeit, in der alles gleichzeitig sichtbar ist und trotzdem vieles nicht mehr wirklich ankommt.

Deshalb brauchen Gedenkprojekte nicht nur Archive. Sie brauchen Sprache.

Sie brauchen Dramaturgie.

Sie brauchen digitale Zugänge.

Sie brauchen Menschen, die historische Tiefe und öffentliche Kommunikation zusammendenken.

Für mich ist das kein Nebenthema. Es ist ein roter Faden meiner Arbeit: Kommunikation für Themen, Institutionen und Projekte, die gesellschaftliche Bedeutung haben, aber nicht automatisch verstanden werden. Ein frühes, prägendes Beispiel war meine Mitarbeit an der Kampagne für den Förderkreis Holocaust-Denkmal mit der Headline „Den Holocaust hat es nie gegeben“ – was mich diese Erfahrung gelehrt hat, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag.

Für Stiftungen und gemeinnützige Träger, für Kulturinstitutionen mit Erinnerungsverantwortung, für politische Bildungsakteure, die in einem schwieriger werdenden Diskursraum sichtbar bleiben müssen.

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Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege mit über 25 Jahren Erfahrung. Er berät Stiftungen, NGOs, Kulturinstitutionen, Gedenkstätten und politische Bildungsträger in strategischer Kommunikation. Mehr in den Übersichten zu Kulturmarketing, NPO & Sozialmarketing und Politikberatung & Public Affairs.

  • 30. April 2026