Warum Kemal Atatürks Prostitutiertentrick auch in deutschen Freibädern funktioniert
Werbelegende Rory Sutherland erzählt gern diese Anekdote: Mustafa Kemal Atatürk wollte das Verschleiern unattraktiv machen. Statt es zu verbieten, erklärte er den Schleier zur Pflicht für Prostituierte. Boom. Problem gelöst. Ob historisch oder Legende – die Pointe ist: Normen lassen sich seitwärts kippen, während andere frontal gegen Windmühlen kämpfen.
Urlaub in einer westdeutschen Stadt. Familie, Freibad, jeden Tag. Es fällt auf: Hier läuft’s anders. Entspannte Atmosphäre, ernsthafte Schwimmer, keine Rangeleien. Als Kommuniktionsstratege kam ich mit dem Bademeister ins Gespräch. Was er erzählte, war lehrbuchmäßiges „Lateral Thinking“ – nur dass es keiner so geplant hatte. Vor einigen Jahren hatte das Bad ein Hygieneproblem. Die Ursache: XXL-Badeshorts. Diese Stoffmonster saugen sich voll wie Schwämme, ihre Taschen sammeln Dreck. Die Lösung war technokratisch: Nur noch enganliegende Badehosen erlaubt. Wer keine hat, bekommt kostenlos desinfizierte Leihbadehosen.
Was dann passierte, überraschte. Gruppen junger Männer, die das Bad vorher als Bühne für Testosteronparties nutzten, standen plötzlich vor einem Problem: Uncoole Speedos tragen oder gehen. Die meisten gingen. Das Publikum änderte sich binnen Wochen. Die Überschneidung zwischen Störenfrieden und Menschen, die niemals enganliegende Badehosen tragen würden: 90 Prozent.
Das Geniale an dieser psychografischen Filterung. Die Kleiderordnung attackiert direkt das Selbstbild bestimmter Gruppen. Wer Männlichkeit über XXL-Stoffmengen inszeniert, wer Shorts als Street Credibility trägt, kann in Speedos nicht existieren. Nicht weil der Körper ein Problem wäre – die soziale Rüstung fehlt. In eng anliegender Badehose fühlen sich dieser Typus nackt. Sozial nackt. Kurze Zeit später: 30 Prozent weniger Chlorverbrauch, bessere Wasserqualität, und – der eigentliche Gewinn – ein Publikum, das zum entspannten Baden kommt. Familien sind zurück, Senioren trauen sich wieder ins Wasser. Niemand wurde diskriminiert. Die Regel gilt für alle gleich. Das hat sich herumgesprochen und andere Bäder folgten dem Beispiel. Diesmal mit voller Absicht sowohl Wasser- als auch die Aufenthaltsqualität zu verbessern.
Was hier passiert ist, nennt der Psychologe Edward de Bono „Lateral Thinking“ – seitlich denken statt frontal eskalieren. Das Freibad hat ein Verhaltensproblem durch eine Hygieneregel gelöst, ohne es je zu benennen. Kein Badekulturkampf, keine Moralpredigten. Nur eine kleine Verschiebung der Spielregeln. Diese zufällige Entdeckung war effektiver als eine extra Security-Mannschaft.
Manchmal löst man komplexe Probleme durch die minimale Verschiebung von Defaults. Ich werde nächstes Jahr wiederkommen zum Baden und in meinem Job deutliche mehr mit de Bonos Prinzip arbeiten. Atatürk hätte es nicht besser machen können als dieses Schwimmbad. Auch wenn diese Geschichte sicher erfunden ist. Die Badeshort-Geschichte ist echt.
Mehr Infos zu Lateral Thinking unter: https://www.lateralthinking.com