Ufo-Sekte will jetzt Hitler Klonen
PROLOG: POST VOM RAND DER AUFMERKSAMKEIT
Zwölfmal blinkte meine LinkedIn-Inbox nach Weihnachten. Man bedankte sich für meine Jahresbetrachtung, fand sie aber „viel zu lang“. Eine volle Bildschirmseite voller Umwege, Pausen und Kästner-Zeilen – eine Zumutung für Timelines, die nach zwei Zeilen schon weiterwischen. Doch was, wenn sich die Welt nicht in einer einzigen Überschrift erzählen lässt?
DIE HERRSCHAFT DER HEADLINE
Meine Lieblings-Headline stammt aus der Bild-Zeitung von 2001. Ein kurzer Satz, eine ganze Welt tut sich auf voller empörender Unglaublichkeit. Geschmacklos, aber handwerklich perfekt. Was damals Boulevard-Genialität war, ist heute als Dogma auch in seriösen Median angekommen. Eine Redakteurin bei einem Nachrichtensender, gestand mir, die ganze Story müsse inzwischen in die Headline passen und „clickable sein“. Den eigentlichen Artikel lese kaum einer. So triumphieren Titel wie „Ufo-Sekte will jetzt Hitler klonen“ oder „KI frisst Pflege-Jobs“. Katastrophen schrumpfen zu Häppchen, Biografien zu neunzig Zeichen. Wer nur Kostproben isst, hält sie irgendwann für das ganze Menü.
VERLORENES IM SEKUNDENTAKT
Stellen wir uns vor, eine Ehe verliefe im gleichen Modus: „Müll raus. Jetzt.“ – „Ich liebe dich. Details später.“ Die Stille zwischen den Sätzen, das tastende Suchen nach einem Wort – alles weggekürzt. Ähnlich erging es mir mit einem Freund. Social-Media-Schnipsel hatten ihm erklärt, der Nahostkonflikt sei ein Religionsstreit. Wir holten Papier und Stifte, sprachen über Balfour-Erklärung, Mandatszeit, Sechstagekrieg, Oslo, arabische Bürger, Siedlungen und Wasserrechte. Vierzig Minuten später konnten wir endlich anfangen, wirklich zu diskutieren – nicht in Schlagwörtern, sondern in ganzen Sätzen.
DIE ÄSTHETIK DER LANGSAMKEIT
Langsamkeit ist kein Stillstand, sondern ein anderes Tempo des Begreifens. Wer einen Umweg nimmt, entdeckt ein Café am Rand, riecht den Regen, hört das lateinische Echo im Straßenschild. Pausen wirken wie der weiße Rand eines Gemäldes: Sie halten das Bild zusammen. In der Musik schafft nicht der Ton, sondern die Stille davor die Spannung. In Gesprächen bewahrt ein Atemzug das Gegenüber vor Missverstehen.
KURZE VERTEIDIGUNG DES LANGEN LESENS
Wer behauptet, moderne Aufmerksamkeit reiche nicht für Tiefe, verwechselt Unfähigkeit mit Unlust. Tiefe wird betreten wie ein Garten: Tor öffnen, Schritt hinein, Blick herum. Vielleicht braucht jede Timeline gelegentlich einen Text, der bewusst zu groß für die innere Uhr ist – eine kleine Unverschämtheit der Gründlichkeit. Denn jede Langsamkeit ist ein Geschenk des Raums an die Zeit.
EPILOG: JENSEITS DER 3 000 ZEICHEN
Hier endet die zulässige Länge auf LinkedIn. Haben Sie noch Luft? Schreiben Sie mir. Wir können den Faden aufnehmen, Satz für Satz entrollen – gern ausführlicher, notfalls abendfüllend. Die Zeichenbegrenzung stoppt hier, das Gespräch muss es nicht.