Der Sieg der Linken in Berlin. Keine Überraschung.

Warum der Wahlsieg der Linken in Berlin keine Überraschung war: Wohnen, das Versagen der Regierenden und eine präzise Kampagne. Eine Analyse.

Diese Analyse schließt meine Serie zum Berliner Wahlkampf 2026 ab. Wie in den neun Kampagnenanalysen zuvor betrachte ich das Ergebnis aus kommunikationsstrategischer Sicht, nicht aus parteipolitischer. Ich war von keiner der Berliner Parteien mandatiert.

Am 20. September ist Die Linke mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft im Berliner Abgeordnetenhaus geworden. Sie hat ihr Ergebnis von 2023 mehr als verdoppelt und liegt fast sieben Punkte vor der CDU, die von 28,2 auf 18,8 Prozent gefallen ist. Die SPD erreicht mit 12,1 Prozent das schlechteste Ergebnis ihrer Berliner Geschichte. Die Grünen verlieren gut vier Punkte, die AfD gewinnt gut sieben hinzu. Die Wahlbeteiligung steigt auf 74,2 Prozent.

In den Tagen danach haben sich zwei Deutungen verfestigt. Die eine erklärt den Sieg mit einer außergewöhnlich professionellen Kampagne: Haustürwahlkampf, Serviceangebote, Social Media, eine anschlussfähige Kandidatin. Die andere erklärt ihn mit dem Versagen der anderen: SPD, Grüne und CDU hätten bei den Themen, die die Stadt bewegen, nicht geliefert, also habe man die Partei gewählt, die einen noch nicht enttäuscht hat.

Beide Deutungen sind richtig. Aber sie stehen nicht gleichrangig nebeneinander. Entscheidend ist die Reihenfolge: Erst entstand eine Lücke, dann wurde sie professionell gefüllt. Deshalb ist dieses Ergebnis in seiner Richtung keine Überraschung. Überraschend ist allenfalls seine Höhe.

Ein Ergebnis mit Vorlauf

Wer nur auf die Wiederholungswahl von 2023 schaut, sieht einen Erdrutsch. Wer auf die Bundestagswahl 2025 schaut, sieht eine Fortsetzung. Schon im Februar 2025 lag die Linke in Berlin mit 19,9 Prozent vorn, vor CDU (18,3), Grünen (16,8), AfD (15,2) und SPD (15,1). Die Wahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung hält fest, dass das Berliner Ergebnis von 2026 der Bundestagswahl deutlich mehr ähnelt als der letzten Abgeordnetenhauswahl. Die CDU liegt fast exakt auf ihrem Bundestagswahlniveau, SPD und Grüne darunter. Die Linke hat ihren Vorsprung ausgebaut.

Auch die Umfragen zeigten die Richtung seit dem Sommer. Civey sah die Linke Anfang August bei 21 Prozent vor der CDU mit 19, das ZDF-Politbarometer kurz vor der Wahl bei 22 zu 20. Unterschätzt wurde der Abstand, nicht die Reihenfolge. Das liegt an einem bekannten strukturellen Problem: Umfragemodelle gewichten nach der Wahlbeteiligung der Vergangenheit. Wer 2023 nicht gewählt hat, taucht darin nur unzureichend auf. Genau aus dieser Gruppe kam der größte Teil des Zugewinns.

Partei20232026Veränderung
Die Linke12,225,7+13,5
CDU28,218,8−9,4
AfD9,116,3+7,2
Grüne18,414,3−4,1
SPD18,412,1−6,3
BSW–4,7–
FDP4,62,5−2,1

Zweitstimmen in Prozent, Veränderung in Prozentpunkten. 2026: vorläufiges amtliches Endergebnis.

Nach der Wählerwanderung von Infratest dimap hat die Linke rund 75.000 frühere Nichtwählerinnen und Nichtwähler mobilisiert, mehr als jede andere Partei. Dazu kommen rund 51.000 frühere Grünen- und 36.000 frühere SPD-Wähler, aber nur 14.000 aus dem Lager der CDU. Der Befund ist wichtig für die Einordnung: Das Lager aus Linke, SPD und Grünen ist insgesamt nur moderat gewachsen, von 49,0 auf 52,1 Prozent. Dramatisch verschoben hat sich die Hierarchie innerhalb dieses Lagers. 2023 war die Linke Juniorpartnerin hinter zwei gleich starken Partnern. Heute ist sie mehr als doppelt so stark wie die SPD.

Die Linke hat also kein neues Berlin erfunden. Sie hat die Führung eines bestehenden Lagers übernommen und es um die Demobilisierten erweitert. Für SPD und Grüne ist das die unangenehmste Lesart: Sie wurden nicht von einer gegnerischen Welle überrollt, sondern im eigenen Haus überholt.

Wohnen: eine Mehrheit, die auf eine Partei gewartet hat

Rund 85 Prozent der Berlinerinnen und Berliner wohnen zur Miete. Für 53 Prozent war der Wohnungsmarkt laut Forschungsgruppe Wahlen das wichtigste Thema dieser Wahl, mit großem Abstand vor dem Verkehr mit 23 Prozent. Das ist keine Momentaufnahme. Die Mietenfrage ist seit über einem Jahrzehnt das bestimmende Alltagsthema der Stadt.

Ihre politische Mehrheit hatte sie lange vor dieser Wahl. Beim Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ stimmten im September 2021 über eine Million Menschen mit Ja, knapp 59 Prozent der gültigen Stimmen. Seither ist wenig passiert, was die Betroffenen im Alltag spüren konnten. Eine Expertenkommission bestätigte 2023 die grundsätzliche verfassungsrechtliche Zulässigkeit einer Vergesellschaftung, der schwarz-rote Senat kündigte eine Rahmengesetzgebung an, die Mieten stiegen weiter. Fünf Jahre nach dem Votum war keine einzige Wohnung vergesellschaftet.

Für eine Oppositionspartei ist das die ideale Ausgangslage: ein Thema mit demokratisch beglaubigter Mehrheit, eine Regierung, die es sichtbar nicht umsetzt, und ein Problem, das mit jeder Mietzahlung erneut spürbar wird. Die Linke musste die Agenda nicht setzen. Sie musste sich glaubwürdig als ihr parlamentarischer Arm anbieten.

Das ist ihr gelungen. 34 Prozent trauen der Linken am ehesten zu, das Wohnungsproblem zu lösen, 2023 waren es 14 Prozent. Die CDU kommt auf 27 Prozent und hat sich hier sogar verbessert. SPD mit 9 und Grüne mit 4 Prozent spielen beim wichtigsten Thema der Stadt kaum noch eine Rolle. Das ist der eigentliche Kern des Ergebnisses: Zwei Parteien, die über Jahre die Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik mitverantwortet haben, wird genau bei diesem Thema fast keine Lösungskompetenz mehr zugetraut.

Ein Detail verdient Aufmerksamkeit, weil es die Deutung als reinen Linksruck relativiert. Nur 37 Prozent der Befragten glauben, dass Enteignungen großer Wohnungsunternehmen das Problem lösen würden. Die Wahl war ein Mandat für Bezahlbarkeit, nicht zwingend eines für das radikalste Instrument. Für die Regierungsbildung wird diese Unterscheidung wichtig werden.

Wer lange regiert, wird an Ergebnissen gemessen

Die zweite Hälfte der Erklärung liegt bei denen, die regiert haben. Und in Berlin haben fast alle regiert. Die SPD gehört seit 1989 ununterbrochen dem Senat an, von 2001 bis 2023 stellte sie den Regierenden Bürgermeister. Die Grünen regierten von 2016 bis 2023 mit. Die CDU übernahm 2023 mit dem Versprechen, dass Berlin endlich funktionieren werde. Drei Parteien mit unterschiedlichen Ansätzen und, aus Sicht einer Mehrheit der Bevölkerung, einem ähnlichen Ergebnis bei den Kernthemen: steigende Mieten, eine Verwaltung, die als überfordert erlebt wird, ein Alltag, der teurer wird.

Zur Redlichkeit dieser Analyse gehört, dass auch die Linke Teil dieser Geschichte ist. Sie regierte von 2002 bis 2011 und von 2016 bis 2023 mit und führte von 2016 bis 2021 das Ressort für Stadtentwicklung und Wohnen. Ihre Vorgängerpartei PDS hat 2004 den Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GSW mitgetragen. Dass ihr das kaum angelastet wurde, hat zwei Gründe. Der Mietendeckel, ihr zentrales Projekt aus dieser Zeit, scheiterte 2021 vor dem Bundesverfassungsgericht und blieb damit als Versuch in Erinnerung, nicht als Fehlschlag. Und seit 2023 war sie in der Opposition. Drei Jahre reichen offenbar, um wieder als Alternative wahrgenommen zu werden, wenn die Regierenden das Thema in dieser Zeit nicht selbst besetzen. Die Frage, die ich vor der Wahl in der Analyse der Linken-Kampagne gestellt habe, ob die Partei gerade deshalb wieder stärker ist, weil sie in der Opposition wieder eindeutig sein darf, hat das Ergebnis beantwortet.

Bei der CDU kam zur inhaltlichen Bilanz ein Vertrauensproblem. Der Brandanschlag auf das Stromnetz im Januar ließ rund 100.000 Menschen im Berliner Südwesten teils tagelang ohne Strom. Dass Kai Wegner am ersten Tag der Krise eine Stunde Tennis spielte, dies zunächst verschwieg und seine Angaben zu den Telefonaten dieses Tages später von der eigenen Senatskanzlei relativiert wurden, beschädigte seine Glaubwürdigkeit nachhaltig. Im Juli verzichtete er auf die erneute Spitzenkandidatur, Finanzsenator Stefan Evers übernahm neun Wochen vor der Wahl. Das Versprechen „Berlin wird“ hatte seinen Absender verloren. Bezeichnend ist, dass die CDU ihre Kompetenzwerte gerade dort verlor, wo sie 2023 gewonnen hatte: beim Verkehr von 28 auf 16 Prozent, bei der Kriminalitätsbekämpfung von 31 auf 27 Prozent.

Die SPD hatte das schwierigste Kommunikationsproblem aller Parteien, das ich in der Analyse ihrer Kampagne am Wort „wieder“ festgemacht habe: Wie verkauft eine Partei, die seit 37 Jahren mitregiert, einen Neuanfang? Die Antwort der Wählerinnen und Wähler fiel eindeutig aus. Die Grünen führten einen sachlichen Wahlkampf und liegen beim Verkehr weiterhin klar vorn. Beim Thema, das die Wahl entschied, hatten sie aber keine erkennbare eigene Position, obwohl sie der Vergesellschaftung offener gegenüberstehen als SPD und CDU. Offenheit für eine Forderung ist noch kein Profil.

Kommunikation kann eine Lücke nutzen. Erzeugen kann sie keine. Wer lange regiert, wird an dem gemessen, was im Alltag ankommt.

Die Unzufriedenheit reicht dabei über den Senat hinaus. 45 Prozent der Befragten halten keine Partei für geeignet, die Probleme der Stadt zu lösen. Das ist die Kulisse, vor der die Linke gewonnen hat: kein Enthusiasmus für eine Partei, sondern eine breite Enttäuschung über alle, verbunden mit der Bereitschaft, derjenigen eine Chance zu geben, die beim wichtigsten Thema am klarsten wirkte. Mit 27 Prozent Zufriedenheit ist Elif Eralp die am besten bewertete Spitzenkandidatin. Auch das ist kein Wert, der von einer Welle der Begeisterung zeugt.

Das Handwerk: warum ausgerechnet die Linke die Lücke gefüllt hat

Eine Lücke allein gewinnt keine Wahl. Die Grünen standen der Vergesellschaftung offen gegenüber und verloren trotzdem. Das BSW trat als Protestpartei an und scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Dass gerade die Linke die Unzufriedenheit bündeln konnte, hat mit Handwerk zu tun. Und dieses Handwerk war, unabhängig von jeder politischen Bewertung, bemerkenswert.

Erstens die Botschaftsdisziplin. Die Kampagne hatte ein Thema und ordnete ihm alles unter. „Berlin bezahlbar machen“ verband Mieten, Lebensmittelpreise, Mobilität und die Frage, ob man im eigenen Kiez bleiben kann, zu einem einzigen Grundkonflikt. Die Kommunikation bestand auffällig oft aus Verben: Problem benennen, Handlung danebenstellen. Das klingt einfach, setzt aber voraus, dass eine Partei sich festlegt und den Rest ihrer Agenda diesem einen Thema unterordnet. Genau diese Festlegung scheuen die meisten Parteien.

Zweitens Politik als Dienstleistung. Mit einem Online-Mietcheck, mit Sozial- und Mietrechtssprechstunden und mit konkreter Unterstützung für Mieterinnen und Mieter übersetzte die Partei ihr Versprechen in etwas, das man schon vor der Wahl nutzen konnte. Das Vorbild liegt in Österreich, wo die KPÖ in Graz und Salzburg mit der Verbindung von Sozialberatung und Haustürgesprächen große Erfolge erzielt hat. Der Effekt ist einfach: Wer bereits Unterstützung erfahren hat, muss am Wahltag nicht mehr überzeugt werden.

Drittens die Organisation. Die Linke baut ihren Haustürwahlkampf seit Jahren systematisch aus, mit Schulungen, getesteten Gesprächsleitfäden und einer eigenen App zur Auswertung der Einsätze. Das Prinzip lautet: mehr zuhören als reden. Das Gespräch an der Tür dient nicht nur der Überzeugung, sondern auch der Themenfindung, und wer Interesse zeigt, bekommt ein Angebot zum Mitmachen. Getragen wird das von einem Mitgliederzuwachs, der die Berliner Linke nach Parteiangaben zur mitgliederstärksten Partei der Stadt gemacht hat. Die 75.000 reaktivierten Nichtwähler sind das messbare Ergebnis dieser Arbeit und zugleich der Grund, warum die Demoskopie den Abstand unterschätzte.

Viertens die Verteilung der Reichweite. Die Kampagne setzte nicht allein auf die Spitzenkandidatin, sondern auf viele Gesichter: Direktkandidatinnen und Direktkandidaten mit eigener lokaler Verankerung, teils mehrsprachig, Kooperationen mit Künstlerinnen und Creators aus Musik und Popkultur und ein Umfeld von Unterstützern, das Inhalte weitertrug, ohne von der Partei gesteuert zu werden. Elif Eralp, Juristin und Tochter türkischer Einwanderer, verkörperte dabei weniger ein Programm als ein Selbstbild der Stadt: das vielfältige, innerstädtische Berlin, das sich fragt, ob es sich diese Stadt künftig noch leisten kann. Bei den unter 30-Jährigen erreichte die Linke laut Forschungsgruppe Wahlen knapp die Hälfte der Stimmen, bei den 30- bis 44-Jährigen 33 Prozent. Nur bei den über 60-Jährigen blieb die CDU mit 32 Prozent klar vorn.

Die ausführlichste Rekonstruktion dieser Kampagnenmechanik, die ich bisher gelesen habe, hat der Strategieberater Juri S. in seinem Newsletter „Inside the Public Arena“ vorgelegt. Sie erklärt überzeugend, wie die Linke gewonnen hat. Sie erklärt weniger, warum ihr die Gelegenheit dazu offenstand.

Gelegenheit und Handwerk: die richtige Reihenfolge

Kampagnenanalysen neigen dazu, vom Ergebnis auf die Wirksamkeit der Mittel zu schließen. Das ist methodisch heikel. Hätte die Linke mit derselben Kampagne gegen einen Senat angetreten, der die Mietentwicklung sichtbar gebremst hätte, wäre das Ergebnis ein anderes gewesen. Umgekehrt zeigen Grüne und BSW, dass sich Unzufriedenheit nicht automatisch bei der Partei sammelt, die sie am lautesten anspricht.

Mein Befund lautet deshalb: Die Gelegenheit war die notwendige Bedingung, das Handwerk die hinreichende. Die Regierungsparteien haben über Jahre eine Erwartungslücke entstehen lassen, beim wichtigsten Thema der Stadt und gegenüber einer Mehrheit, die sich 2021 bereits artikuliert hatte. Die Linke hat diese Lücke früher erkannt, konsequenter besetzt und organisatorisch besser erschlossen als alle anderen.

Der Blick auf die AfD bestätigt das Muster. Auch sie mobilisierte rund 65.000 frühere Nichtwähler und gewann 56.000 Stimmen von der CDU. Unzufriedenheit war an beiden Rändern verfügbar. In Berlin hat sie überwiegend links gewählt, weil dort das konkretere Angebot zum wichtigsten Problem lag. Wo, wie in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, andere Themen dominieren und die AfD organisatorisch stärker aufgestellt ist, fließt dieselbe Energie in die andere Richtung.

Vom Versprechen zur Lieferung

Die Linke steht jetzt vor derselben Prüfung, an der ihre Vorgänger gescheitert sind. Wahrscheinlichste Option ist ein Bündnis mit SPD und Grünen unter ihrer Führung. Die SPD hat allerdings Vorbehalte gegenüber der Vergesellschaftung, und auch der Umgang mit dem Nahostkonflikt dürfte die Sondierungen belasten. Rechnerisch möglich wäre ebenso ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen.

Die größere Herausforderung liegt jedoch in der Sache. Die wirksamsten Instrumente der Mietenpolitik liegen beim Bund, genau daran ist der Mietendeckel 2021 gescheitert. Eine Vergesellschaftung ist juristisch umstritten, teuer und selbst unter optimistischen Annahmen erst in Jahren wirksam. Die Berliner Verwaltung gilt als träge, der Haushalt ist angespannt, und jeder Koalitionskompromiss wird von einer Wählerschaft beobachtet, die gerade erlebt hat, wie schnell sie Regierende abwählen kann.

Kommunikativ ist das die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre: Erwartungsmanagement. Eine Partei, die mit dem Versprechen von Bezahlbarkeit gewonnen hat, wird an der Miete gemessen, nicht an ihren Gesetzentwürfen. Der Mechanismus, der sie nach oben gebracht hat, funktioniert in beide Richtungen. Wer die 45 Prozent gewinnen will, die derzeit keiner Partei etwas zutrauen, muss liefern und das Gelieferte sichtbar machen, bevor die nächste Partei die nächste Lücke entdeckt.

Was politische Akteure daraus lernen können

Für alle, die politische Kommunikation verantworten, lassen sich aus Berlin drei Schlüsse ziehen, unabhängig von der eigenen politischen Richtung. Erstens entstehen Wahlsiege selten im Wahlkampf. Sie entstehen in den Jahren davor, in denen sich entscheidet, wem bei den wichtigsten Themen Kompetenz zugetraut wird. Zweitens lässt sich Regierungsverantwortung ohne sichtbare Lieferung kommunikativ nicht retten. Kein Claim ersetzt eine Veränderung, die Menschen im Alltag spüren. Drittens verschiebt sich das Gewicht von der Reichweite zur Beziehung: Parteien, die Menschen vor der Wahl etwas anbieten, das sie nutzen können, und die dort präsent sind, wo Menschen leben, gewinnen gegen Parteien, die nur senden. Die Methode ist politisch neutral. Ihr Einsatz ist es nicht.

Der Sieg der Linken in Berlin ist also keine Überraschung. Er ist das folgerichtige Ergebnis einer langen Phase, in der die Regierenden das zentrale Problem der Stadt verwaltet haben, statt es zu lösen, und einer Partei, die diese Lage früher und genauer gelesen hat als ihre Konkurrenz.

Keine Räterepublik in Sicht

Bleibt die Aufregung, die das Ergebnis vor allem außerhalb Berlins ausgelöst hat. Wer sich jetzt, in Teilen von CSU und CDU und darüber hinaus, vor dem Sozialismus an der Spree fürchtet, dem sei ein Blick in die jüngere Stadtgeschichte empfohlen. Die Linke hat Berlin bereits von 2002 bis 2011 und von 2016 bis 2023 mitregiert. Arbeiter- und Soldatenräte wurden in dieser Zeit nicht ausgerufen, und das Rote Rathaus verdankt seinen Namen bis heute den Backsteinen. Gelitten hat die Stadt in diesen Jahren eher unter zu langsamen Bürgerämtern als unter einer zu schnellen Revolution.

Und die Enteignung? Sie steht im Grundgesetz. Artikel 14 erlaubt Enteignungen zum Wohl der Allgemeinheit gegen Entschädigung, Artikel 15 sieht ausdrücklich vor, dass Grund und Boden per Gesetz und gegen Entschädigung in Gemeineigentum überführt werden können. Angewendet wurde Artikel 15 bisher nie. Ob eine Vergesellschaftung in Berlin klug ist, darf man mit guten Gründen bezweifeln. Verfassungsfeindlicher Sozialismus ist sie nicht. Ich persönlich würde mich mit Kritik an Grundgesetzinhalten zurückhalten, zumal wenn man sich sonst gern als Hüter der Verfassung versteht.

Alles Weitere werden die nächsten Jahre zeigen. Eine linksgeführte Regierung wird Kompromisse mit SPD und Grünen schließen müssen, sie wird Haushaltsberatungen erleben, und sie wird die Berliner Verwaltung kennenlernen, die schon ganz andere Visionen auf Wiedervorlage gelegt hat. Wer sich vor dem Umsturz fürchtet, darf sich beruhigen: Für eine Revolution bräuchte man in Berlin zuerst einen Termin im Bürgeramt. Fairerweise haben die Linken, nach allem, was die anderen in den vergangenen Jahrzehnten vorgelegt haben, eine Chance verdient. Ob daraus eine Epoche wird oder eine Episode, entscheidet sich nicht im nächsten Wahlkampf, sondern in fünf Jahren Regierungsarbeit.

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Wie Parteien Themen besetzen, lange bevor der eigentliche Wahlkampf beginnt, beschreibe ich in den Grundlagen der Wahlkommunikation. Wenn Sie selbst eine Kampagne vorbereiten, finden Sie mein Angebot unter Wahlkommunikation: Beratung und Workshop. Welche Erfahrungen ich in Landtags- und Kirchenwahlkämpfen gesammelt habe, erzähle ich im Interview zur Wahlkommunikation. Einen Überblick über alle Themenfelder bietet die Seite Politikberatung und Public Affairs.

Über den Autor

Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege. Seit über 25 Jahren arbeitet er für Unternehmen, Institutionen und Organisationen, die etwas Wichtiges tun – und dafür die richtigen Worte brauchen. Kommunikation kennt er aus drei Perspektiven: als Marketingleiter inhouse, als Berater und als Geschäftsführer zweier Agenturen.
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