Diese Seite ist die Übersicht meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026. Ich analysiere die Kampagnen der neun antretenden Parteien aus kommunikationsstrategischer Sicht – handwerklich, nicht parteipolitisch. Als Politikberater bin ich von keiner der Berliner Parteien mandatiert und berichte daher ohne Interessenkonflikt.
Berlin hat offenbar ein Problem. Darin sind sich die Parteien erstaunlich einig. Uneinig sind sie nur darüber, welches.
Für die CDU muss Berlin besser funktionieren. Die Linke findet vor allem, dass die Stadt bezahlbar bleiben muss. Die Grünen sehen Berlin auf dem Weg zurück statt nach vorn. Die FDP diagnostiziert eine Stadt, die sich selbst im Weg steht. Volt will übernehmen, was anderswo funktioniert. Die ÖDP sorgt sich um die politische Kultur. Das BSW hält die politischen Prioritäten grundsätzlich für falsch. Die AfD verbindet unterschiedliche Probleme mit Migration, Zugehörigkeit und Regeln. Und die SPD versucht als langjährige Regierungspartei zu erklären, warum Berlin jetzt wieder nach vorn muss.
Das Interessante an Wahlkampfkommunikation sind deshalb nicht nur die einzelnen Forderungen. Viel spannender ist die Frage: Welche Geschichte erzählt eine Partei über Berlin?
Denn eine Millionenstadt passt schlecht auf ein Wahlplakat. Also wird ausgewählt, vereinfacht und zugespitzt. Parteien entscheiden, welches Problem wir zuerst sehen sollen und mit wem wir anschließend die Lösung verbinden.
Genau darum geht es in dieser Serie: Was wollen die Parteien im Kopf der Berliner besetzen?
CDU: Berlin wird
Der vielleicht praktischste Claim des Wahlkampfs besteht aus zwei Wörtern: „Berlin wird.“ Was genau Berlin wird, lässt sich beinahe beliebig ergänzen: sicherer, sauberer, digitaler, schneller. Für eine Regierungspartei ist das nützlich. Die CDU muss nicht behaupten, Berlin funktioniere bereits perfekt. Sie kann sagen: Der Prozess hat begonnen.
Seit Kai Wegner nicht mehr als Spitzenkandidat antritt, bekommt der Satz noch eine zweite Funktion. Stefan Evers soll Kontinuität und Wechsel gleichzeitig verkörpern. Die Frage dahinter: Kann eine Partei den Kurs beibehalten und gleichzeitig den Fahrer wechseln?
AfD: Wer gehört dazu?
„Wohnungen für Berliner.“ „Wohnungen sind keine Asylheime.“ „In der Schule ist Deutsch Pflicht.“ Die Berliner AfD verbindet sehr unterschiedliche Themen mit einer gemeinsamen Grundfrage: Wer gehört dazu, wer bekommt Vorrang und welche Regeln gelten?
Beim Wohnen geht es damit nicht nur um Preise oder Neubau, bei Schule nicht nur um Sprachförderung. Migration wird zum Deutungsrahmen für sehr unterschiedliche Probleme. Gleichzeitig wird Kristin Brinker auffällig konventionell präsentiert. Die Sachbotschaften grenzen scharf ab, die Kandidatin soll eher Normalität ausstrahlen. Die Frage: Wie weit trägt ein einziger Deutungsrahmen durch ganz unterschiedliche Berliner Probleme?
Die Linke: Politik als Verb
„Mietabzocke stoppen.“ „Müllchaos beenden.“ „Immobilienkonzerne enteignen.“ Bei der Linken besteht der Wahlkampf auffällig oft aus Verben. Problem benennen, Handlung danebenstellen, fertig.
Über allem steht die größere Erzählung: Berlin bezahlbar machen. Interessant ist vor allem, wie selbstverständlich die Partei dabei wieder nach Protestbewegung klingt, obwohl sie von 2016 bis 2023 selbst mitregiert hat. Die Frage: Ist Die Linke gerade deshalb wieder stärker, weil sie in der Opposition wieder sehr eindeutig Die Linke sein darf?
Zur Analyse der Linken-Kampagne
ÖDP: Vielleicht größer als der Absender
„Rettet den Respekt!“ „Dient dem Dialog!“ „Kämpft für den Kompromiss!“ Während fast alle anderen Parteien über Mieten, Verkehr, Sicherheit oder Schulen reden, macht die ÖDP die politische Kultur selbst zum Thema.
Das ist ungewöhnlich und eigenständig. Für eine kleine Partei ist es aber auch schwierig: Respekt dürfte fast jeder gut finden. Wahlentscheidend wird daraus noch lange nichts. Vielleicht liegt genau darin das Interessante der Kampagne. Denn respektvoller demokratischer Streit wäre eigentlich kein besonders plausibler Markenkern einer einzelnen Partei. Ist „Rettet den Respekt“ eine gute ÖDP-Kampagne oder eher eine Idee, die mehreren demokratischen Parteien gehören müsste?
Grüne: Raus aus dem Rückwärts
„Raus aus dem Rückwärts.“ Sprachlich etwas merkwürdig. Strategisch ziemlich klar. Die Grünen ordnen ihre Kampagne einer Richtungsentscheidung unter: Schwarz-Rot steht für zurück, Grün für vorwärts. Klimapolitik, Kultur, Verkehr oder Wohnen werden so Teil derselben Geschichte.
Das funktioniert besonders gut bei Menschen, die ungefähr dieselbe Vorstellung davon haben, wo „vorne“ liegt. Und genau da beginnt das Problem. Die Grünen wollen Fortschritt besetzen. Aber wer entscheidet eigentlich, wo vorne ist?
Zur Analyse der Grünen-Kampagne
SPD: Das Problem mit „wieder“
Bei der SPD steckt erstaunlich viel Strategie in einem kleinen Wort: „wieder“. Steffen Krach soll Berlin wieder nach vorn bringen. Die SPD wirbt wieder mit einem Bürgermeister, der liefert.
Das klingt nach Neustart. Nur war die SPD politisch nie wirklich weg. Sie gehört seit Jahrzehnten fast durchgehend zu den Berliner Regierungen. Krach soll deshalb gleichzeitig Insider und Neuanfang sein. Die Frage: Wie verkauft eine langjährige Regierungspartei einen Neustart, ohne ihre eigene Vergangenheit gleich mit abzuwählen?
FDP: Berlin steht sich selbst im Weg
„Von der Miete zum Eigentum.“ In einer Stadt mit hohen Mieten und hohen Immobilienpreisen ist das zumindest selbstbewusst. Dahinter steckt eine größere liberale Diagnose: Berlin hat nicht unbedingt zu wenig Staat, sondern zu viel vom falschen. Bürokratie, Regulierung und wirtschaftliche Hemmnisse auf der einen Seite, mangelnde Durchsetzung dort, wo der Staat gebraucht wird.
Das Eigentumsmotiv zeigt zugleich das Risiko. Für die einen klingt es nach Aufstieg. Für andere möglicherweise nach erstaunlicher Distanz zur Berliner Lebenswirklichkeit. Die zentrale Erzählung bleibt: Berlin könnte besser funktionieren, wenn Berlin sich selbst weniger im Weg stünde.
BSW: Weniger Washington. Aber wie viel Berlin?
Ein Dackel mit Deutschland-Halstuch, eine amerikanische Flagge und darüber: „Weniger Washington. Mehr Deutschland.“ Für eine Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist das eine bemerkenswerte Themenwahl.
Das BSW führt den Wahlkampf stärker als viele Konkurrenten über bundes- und außenpolitische Konflikte. Genau dort liegt die bekannte Marke der Partei. Bei einer Landeswahl muss daraus allerdings irgendwann ein Berliner Grund für die Stimme werden. Kann aus einer bundespolitischen Protestmarke rechtzeitig eine Berliner Landespartei werden?
Volt: Berlin könnte gelegentlich einfach abschreiben
Und dann ist da noch: „Unf*ck Berlin.“ Volt beginnt beim gleichen Grundgefühl wie viele andere Parteien: An zu vielen Stellen funktioniert Berlin nicht richtig. Die Lösung wird allerdings anders erzählt. Was in Kopenhagen, Warschau oder anderswo funktioniert, soll Berlin übernehmen können.
Das wirkt pragmatisch und angenehm unideologisch. Nur entscheidet eine gute Idee aus Kopenhagen noch nicht, ob die Berliner sie auch wollen. Volt möchte pragmatische Modernisierung besetzen. Die Frage: Wo endet das Abschreiben guter Ideen und wo beginnt wieder ganz normale Politik?
Neun Parteien, neun Bilder derselben Stadt
Legt man die Kampagnen nebeneinander, wird deutlich: Die Parteien konkurrieren nicht nur um Lösungen. Sie konkurrieren darum, welches Problem Berlins wir überhaupt für das wichtigste halten sollen.
Die CDU sagt: Berlin muss funktionieren. Die Linke sagt: Berlin muss bezahlbar bleiben. Die Grünen sagen: Berlin muss nach vorn. Die FDP sagt: Berlin muss sich selbst weniger behindern. Volt sagt: Berlin muss lernen, was anderswo funktioniert. Die ÖDP sagt: Politik muss wieder miteinander reden können. Das BSW sagt: Die politischen Prioritäten stimmen nicht. Die AfD sagt: Berlin muss Zugehörigkeit und Regeln klarer definieren. Und die SPD sagt: Berlin muss wieder nach vorn, diesmal mit jemandem, der liefert.
Parteien verkaufen also nicht nur Antworten. Sie versuchen zunächst, die Frage festzulegen, auf die ihre eigene Antwort besonders gut passt. Wer es schafft, dass wir am Wahltag über genau das Problem nachdenken, bei dem wir der eigenen Partei Kompetenz zutrauen, hat kommunikativ schon einiges erreicht.
Darum sind Wahlplakate mehr als ein Wettbewerb um die beste Headline. Sie sind kleine Versuche, unsere Wahrnehmung dieser Stadt zu sortieren. Was sehe ich, wenn ich morgens aus der Haustür komme? Eine Stadt, die zu teuer ist? Eine, die nicht funktioniert? Eine, die rückwärtsgeht? Eine, die ihre Regeln verloren hat? Oder eine, die eigentlich längst wissen könnte, wie es besser geht?
Neun Parteien liefern neun ziemlich unterschiedliche Antworten.
Über diese Serie hinaus
Wer eine Kampagne strategisch plant, statt sie nur zu analysieren, steht vor denselben Fragen wie diese Parteien: Welches Problem soll im Kopf der Zielgruppe entstehen, welche Botschaft trägt und welcher Frame wirkt? Genau daran arbeite ich in der Politikberatung und Public-Affairs-Kommunikation – für Parteien, Verbände und Organisationen, die politische Kommunikation nicht dem Zufall überlassen wollen.
