Stoppen, beenden, enteignen. Die Linke und ein Wahlkampf aus Verben

Stoppen, beenden, enteignen. Die Linke und ein Wahlkampf aus Verben

Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026. Ich analysiere die Kampagnen der antretenden Parteien aus kommunikationsstrategischer Sicht – handwerklich, nicht parteipolitisch. Als Politikberater bin ich von keiner der Berliner Parteien mandatiert und berichte daher ohne Interessenkonflikt.

„Müllchaos beenden.“ „Mietabzocke stoppen.“ „Immobilienkonzerne enteignen.“ „Bus & Bahn: Preise runter.“

Die Berliner Linke braucht für ihre Wahlkampfbotschaften auffällig wenige Wörter. Noch auffälliger ist, dass fast immer ein Verb im Mittelpunkt steht. Andere Parteien beschreiben einen gewünschten Zustand. Berlin wird besser, Berlin soll wieder nach vorn, Berlin soll funktionieren. Die Linke formuliert dagegen Arbeitsaufträge: stoppen, beenden, enteignen, Preise senken. Über allem steht der Satz „Berlin bezahlbar machen“.

Das sieht zunächst fast zu einfach aus. Tatsächlich steckt darin eine der strategisch geschlossensten Kampagnen dieses Berliner Wahlkampfs. Die Linke versucht nicht, ein großes Panorama vom besseren Berlin aufzubauen. Sie reduziert die Wahl auf eine zentrale Diagnose: Das Leben in Berlin ist für zu viele Menschen zu teuer geworden. Und aus dieser Diagnose entsteht nahezu die gesamte Kampagne. Die Miete ist zu hoch, Bus und Bahn kosten zu viel, Immobilienkonzerne verdienen zu viel, während Menschen Schwierigkeiten haben, sich ihre Stadt noch leisten zu können.

Dabei beschreibt Die Linke Probleme nicht nur, sondern verteilt sofort Rollen. Es gibt diejenigen, die unter einem Zustand leiden, diejenigen, die davon profitieren, und eine Partei, die eingreifen will. Genau darin liegt der Unterschied zu vielen klassischen Valenzkampagnen. Dass Wohnungen bezahlbar, der Nahverkehr günstig und die Straßen sauber sein sollen, würde kaum eine konkurrierende Partei bestreiten. Die Linke macht daraus deshalb keinen Konsens, sondern einen Konflikt.

Problem, Verantwortlicher, Eingriff. Man kann die vorgeschlagenen Eingriffe politisch ablehnen. Aber nach zwei Sekunden weiß man ziemlich genau, worum es geht.

Wer ist diese Linke in Berlin?

Das ist gerade deshalb interessant, weil Die Linke selbst eine komplizierte Berliner Geschichte mitbringt. Bei der Wiederholungswahl 2023 kam sie auf 12,2 Prozent. Zuvor hatte sie sieben Jahre gemeinsam mit SPD und Grünen regiert. Seit 2023 sitzt sie wieder in der Opposition und erlebt inzwischen einen bemerkenswerten Aufschwung. Nach Jahren, in denen häufig über Krise, Spaltung und Bedeutungsverlust der Partei gesprochen wurde, gehört sie in Berlin wieder zu den ernsthaften Bewerbern um Platz eins.

Dass Opposition ihr kommunikativ offenbar besser bekommt, hat die Berliner Linke sogar selbst ziemlich offen analysiert. Nach Regierungsbeteiligungen verlor sie in Berlin regelmäßig an Profil, während sie in Oppositionszeiten stärker als soziale Protestpartei wahrgenommen wurde. Genau diese Erkenntnis scheint nun an den Laternen zu hängen. Die Linke versucht nicht mehr, möglichst regierungsstaatstragend auszusehen. Sie versucht wieder sehr eindeutig links auszusehen.

Das passt auch zu ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp. Die Juristin sitzt seit 2021 im Abgeordnetenhaus, war zuvor rechtspolitische Referentin der Linksfraktion im Bundestag und ist in Berlin eng mit sozialer Beratung und Mietenpolitik verbunden. Auf ihrem Kandidatinnenmotiv steht trotzdem nicht „Elif Eralp, stellvertretende Landesvorsitzende, Juristin und Abgeordnete“. Dort steht riesig: Elif.

Auch das folgt einer klaren Strategie. Die Sachkampagne ist hart, konfrontativ und teilweise geradezu kämpferisch. Die Spitzenkandidatin soll dagegen Nähe herstellen. Aus einer Politikerin, die vielen Berlinern bislang weniger bekannt sein dürfte als einige Konkurrenten, soll möglichst schnell eine Person werden. Kein komplizierter Funktionärsaufbau, sondern Vorname, Gesicht, Wiedererkennung. Die Partei liefert den Konflikt. Elif soll ihm ein menschliches Gesicht geben.

Für wen ist diese Kampagne gedacht?

Die mutmaßliche Zielgruppe lässt sich bei kaum einer der bisher betrachteten Kampagnen so leicht erkennen. Die Linke spricht vor allem Menschen an, für die Bezahlbarkeit keine abstrakte volkswirtschaftliche Kategorie ist, sondern eine monatliche Erfahrung. Mieter, Beschäftigte mit niedrigen und mittleren Einkommen, Familien, Studierende, Rentner und Menschen, die einen großen Teil ihres Einkommens für Wohnen und Mobilität ausgeben müssen.

Dazu kommen urbane progressive Milieus, Menschen mit Einwanderungsgeschichte und Wähler, die sich zwar sozialpolitisch links verorten, SPD oder Grünen aber nicht mehr zutrauen, auf dem Wohnungsmarkt oder bei Verteilungsfragen ausreichend konsequent zu handeln.

Das Besondere an Berlin ist, dass Die Linke dabei längst nicht mehr ausschließlich von ihrer traditionellen Verankerung in Ostberlin lebt. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann sie auch in innerstädtischen und westlicher gelegenen Milieus deutlich hinzu. Damit kann sie Gruppen verbinden, die kulturell durchaus verschieden sind. Eine Rentnerin in Lichtenberg und ein junger Mieter in Neukölln müssen wenig miteinander gemeinsam haben. Beide können aber dieselbe Frage stellen: Kann ich mir Berlin noch leisten? „Berlin bezahlbar machen“ ist deshalb ein ziemlich guter gemeinsamer Nenner.

Aus einem Preisproblem wird eine Gerechtigkeitsfrage

Psychologisch besonders wirkungsvoll ist, dass Die Linke Kosten nicht einfach als ökonomisches Problem beschreibt. Sie macht daraus eine Frage von Fairness und Macht.

Das sieht man am Wort „Mietabzocke“ besonders gut. „Hohe Mieten“ beschreiben zunächst nur einen Zustand. „Mietabzocke“ enthält bereits eine Interpretation. Jemand verlangt nicht einfach viel Geld, sondern jemand nutzt eine Situation aus. Damit werden steigende Wohnkosten emotional neu gerahmt.

Hier verbinden sich zwei starke psychologische Mechanismen: Verlustaversion und Fairnesswahrnehmung. Menschen reagieren empfindlich darauf, Geld zu verlieren. Noch stärker kann die Reaktion ausfallen, wenn dieser Verlust als unfair wahrgenommen wird. Die hohe Miete ist dann nicht mehr lediglich ärgerlich. Sie wird zum Ergebnis eines ungerechten Verhältnisses zwischen mächtigen Vermietern oder Konzernen und einzelnen Mietern.

Ähnlich funktioniert „Immobilienkonzerne enteignen“. Der Satz ist radikal, aber kommunikativ vollkommen eindeutig. Die Linke sagt nicht nur, dass Wohnen bezahlbarer werden müsse. Sie behauptet, dass Eigentums- und Machtverhältnisse selbst Teil des Problems seien.

Damit betreibt sie klassisches Attributionsframing. Politische Probleme bekommen Ursachen und Verantwortliche. Der Berliner Wohnungsmarkt wird nicht als kompliziertes Zusammenspiel aus Baukosten, Zinsen, Flächenknappheit, Regulierung, Nachfrage und Bevölkerungsentwicklung erzählt. Die Kampagne reduziert diese Komplexität auf eine Verteilungsfrage: Wer besitzt die Wohnungen, wer verdient daran und wer bezahlt?

Das ist natürlich Vereinfachung. Aber politische Kommunikation funktioniert fast immer über Vereinfachung. Entscheidend ist, welche Vereinfachung eine Partei wählt. Die Linke wählt den Konflikt zwischen wirtschaftlicher Macht und denjenigen, die von ihr abhängig sind. Wie stark ein solcher Konfliktrahmen in der Kampagnenkommunikation wirkt, zeigt kaum eine andere Kampagne dieses Wahlkampfs so deutlich.

Warum diese Plakate fast wie Demonstrationsschilder aussehen

Auch gestalterisch zieht sich diese Idee konsequent durch. Große rote Typografie auf hellem Grund, kaum Dekoration, wenig Bildwelt und ein violetter Balken, der die Handlung markiert: „stoppen“, „beenden“, „enteignen“, „Preise runter“.

Das wirkt weniger wie klassische Hochglanzwerbung als wie ein ausgesprochen ordentlich gestaltetes Demonstrationsschild. Und vermutlich ist genau das der Punkt. Die Ästhetik soll nicht nach Werbeagentur aussehen, sondern nach Bewegung, Forderung und politischem Druck.

Gleichzeitig entsteht eine hohe Verarbeitungsflüssigkeit. Wer ein Motiv verstanden hat, versteht sofort das nächste. Die Struktur wiederholt sich, die Sprache ist kurz und die entscheidenden Verben springen ins Auge. Das erleichtert Wiedererkennung und sorgt dafür, dass die Kampagne auch aus dem Augenwinkel funktioniert.

Vor allem aber besitzt sie eine klare sprachliche Haltung. Die Linke will nicht „Impulse für eine Verbesserung der Mietensituation setzen“. Sie will Mietabzocke stoppen. Sie will beim Müll nicht „neue Lösungen entwickeln“, sondern das Müllchaos beenden.

Damit inszeniert sie politische Handlungsfähigkeit völlig anders als die CDU. Die CDU sagt: Wir regieren und haben schon angefangen. Die Linke sagt: Es gibt Zustände, die beendet werden müssen, und wir sind bereit, den Konflikt dafür auszutragen. Beide wollen Handlungsfähigkeit zeigen. Aber die eine über Bilanz, die andere über Kampf.

Das Problem mit der eigenen Regierungsgeschichte

Genau an diesem Punkt wird die Kampagne allerdings angreifbar. Die Linke spricht teilweise so, als würde sie Berlin nach langer Abwesenheit erstmals betreten und erschrocken feststellen, dass Wohnungen teuer sind und politische Entscheidungen nicht funktionieren. So einfach ist ihre Geschichte nicht.

Die Partei war von 2016 bis 2023 sieben Jahre lang Teil des Berliner Senats. Insgesamt hat PDS beziehungsweise Linke über viele Jahre Regierungsverantwortung in Berlin getragen. Besonders beim Thema „Immobilienkonzerne enteignen“ ist das relevant. Der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ erhielt 2021 eine Mehrheit, während Die Linke selbst mitregierte. Umgesetzt wurde die Vergesellschaftung nicht.

Damit entsteht dasselbe Verantwortungsproblem, das wir schon bei der SPD gesehen haben, nur in einer anderen Form. Eine Partei kann einen Missstand umso leichter radikal kritisieren, je weniger sie selbst für die politische Wirklichkeit verantwortlich gemacht wird.

Der Unterschied zur SPD ist allerdings entscheidend: Die Linke sitzt inzwischen tatsächlich wieder in der Opposition. Sie kann deshalb glaubwürdiger sagen, dass sie einen anderen Kurs will. Und genau darin dürfte ein Teil ihres aktuellen Erfolgs liegen. Sie wirkt wieder weniger wie der linke Flügel eines Koalitionskompromisses und stärker wie eine eigenständige Partei mit klaren Konflikten.

Das führt allerdings zu einem interessanten nächsten Problem. Sollte nach der Wahl eine rot-rot-grüne Mehrheit möglich sein, müsste Die Linke genau diese klare Oppositionsmarke wieder in Koalitionsverhandlungen übersetzen. Aus „Immobilienkonzerne enteignen“ werden dann Paragraphen, Zuständigkeiten, juristische Prüfungen und Kompromisse mit zwei anderen Parteien.

Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob Die Linke wieder regieren kann. Die spannendere Frage lautet, ob sie regieren kann, ohne kommunikativ wieder so auszusehen wie vor 2023.

Elif soll den Konflikt regierungsfähig machen

Genau hier könnte die Spitzenkandidatin eine wichtigere Funktion haben, als ihr schlichtes „Elif“-Plakat zunächst vermuten lässt. Die Kampagne der Partei ist stark darin, Gegner, Konflikte und Forderungen zu benennen. Für eine Partei, die möglicherweise tatsächlich Regierungsverantwortung übernehmen könnte, reicht Protest allein aber nicht.

Eralp wird deshalb deutlich stärker über Nähe, Beratung und persönliche Erfahrung aufgebaut. Sie soll nicht nur die Politikerin sein, die Immobilienkonzerne angreift, sondern diejenige, die die Probleme einzelner Menschen kennt und sich um sie kümmert.

Psychologisch ergänzt sie damit die Kampagne um etwas, das den Sachmotiven fehlt: persönliches Vertrauen. Die Partei liefert Härte gegenüber mächtigen Interessen, die Kandidatin soziale Nähe. Das eine mobilisiert, das andere soll Regierungsfähigkeit plausibler machen.

Deshalb ist „Elif“ als Plakatidee durchaus interessant. Die Linke ist als Marke bereits bekannt. Ihre Spitzenkandidatin noch nicht in gleichem Maße. Die kommenden Wochen müssen deshalb nicht mehr erklären, was Die Linke ist. Sie müssen vor allem erklären, wer Elif ist.

Was will Die Linke im Kopf besetzen?

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Mieten. Doch die Kampagne ist breiter angelegt. Die Linke will Bezahlbarkeit im Kopf besetzen.

Miete, Mobilität, Wohnen und alltägliche Kosten werden unter einer einzigen politischen Frage zusammengeführt: Wer kann sich Berlin noch leisten? Daraus entwickelt die Partei ihre eigentliche Erzählung. Wenn das Leben in der Stadt zu teuer wird, ist das nicht einfach Pech oder Marktgeschehen. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen und ungleicher Machtverhältnisse. Und diese Verhältnisse lassen sich verändern.

Damit unterscheidet sich die Kampagne ziemlich deutlich von den anderen bisher betrachteten Parteien. Volt möchte pragmatische Modernisierung besetzen, die Grünen Fortschritt, die CDU Handlungsfähigkeit, die ÖDP politische Kultur und das BSW Widerspruch. Die Linke will eine unmittelbarere Frage besetzen: Kann ich mir diese Stadt noch leisten?

Das ist ein starkes Thema, weil niemand dafür ein Parteiprogramm lesen muss. Die Antwort kommt jeden Monat mit der Miete, beim BVG-Ticket oder mit der nächsten Nebenkostenabrechnung. Und dann macht Die Linke aus dieser Erfahrung etwas ausgesprochen wahlkampftaugliches. Sie versieht sie mit einem Verb. Stoppen. Beenden. Enteignen. Preise runter.

Ob diese Lösungen politisch und wirtschaftlich überzeugen, darüber lässt sich ausführlich streiten. Kommunikativ funktioniert die Kampagne trotzdem bemerkenswert gut, weil sie etwas schafft, womit viele Parteien kämpfen: Nach wenigen Sekunden weiß man, welches Problem Die Linke lösen will, auf wessen Seite sie stehen möchte und mit wem sie dafür in Konflikt gehen würde. Was gute Wahlkommunikation ausmacht, lässt sich an dieser Klarheit fast musterhaft studieren.

Nach sieben Jahren Regierungsbeteiligung fiel sie 2023 auf 12,2 Prozent. Jetzt hängt sie wieder Plakate auf, die fast wie Demonstrationsschilder aussehen. Und plötzlich ist die Frage nicht mehr, ob Die Linke in Berlin noch eine wichtige Rolle spielt. Sondern ob sie am Ende die stärkste Partei werden könnte.

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Alle Analysen der Serie

Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026, in der ich die Kampagnen aller neun antretenden Parteien nach denselben handwerklichen Maßstäben analysiere. Die vollständige Übersicht mit allen Parteien finden Sie auf der Serienübersicht zum Berliner Wahlkampf 2026.

Wer eine Kampagne strategisch plant, statt sie nur zu analysieren, steht vor denselben Fragen wie diese Parteien: Welches Problem soll im Kopf der Zielgruppe entstehen, welche Botschaft trägt und welcher Frame wirkt? Genau daran arbeite ich in der Politikberatung und Public-Affairs-Kommunikation – für Parteien, Verbände und Organisationen, die politische Kommunikation nicht dem Zufall überlassen wollen.

Über den Autor

Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege. Seit über 25 Jahren arbeitet er für Unternehmen, Institutionen und Organisationen, die etwas Wichtiges tun – und dafür die richtigen Worte brauchen. Kommunikation kennt er aus drei Perspektiven: als Marketingleiter inhouse, als Berater und als Geschäftsführer zweier Agenturen.
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