Hamburg war keine Panne: Olympia scheitert am fehlenden Wir

Hamburg war keine Panne: Olympia scheitert am fehlenden Wir

Hamburg hat abgestimmt. Und Hamburg hat Nein gesagt. Am 31. Mai 2026 stimmten 54,9 Prozent gegen die Olympia-Bewerbung, bei einer Beteiligung von knapp 50 Prozent. Es war das zweite Nein nach 2015 – und es fiel deutlicher aus als das erste. Nicht aus Versehen, nicht als Laune eines schlechten Sonntags, sondern als ziemlich deutliche Mitteilung an alle, die glaubten, man müsse nur noch einmal das große Wort Olympia in eine Stadt halten, und schon würde sich etwas entzünden.

Es hat sich nichts entzündet. Oder doch: Misstrauen.

Natürlich kann man die Gründe aufzählen. Zu teuer. Zu riskant. Zu unklar. Wer bezahlt am Ende wirklich? Was passiert mit Sicherheit, Verkehr, Mieten, Klima? Wer darf feiern, wer muss ausweichen? Wer bekommt die Bilder, wer bekommt die Rechnung?

Aber diese Fragen erzählen nur die halbe Geschichte. Denn früher war Olympia nicht sauberer, billiger oder gerechter. Auch früher gab es Interessen, Baukosten, Funktionäre, politische Inszenierung und Versprechen, die später kleiner aussahen als am Tag ihrer Verkündung. Der Unterschied liegt woanders. Früher gelang es manchmal, solche Projekte als gemeinsames Versprechen zu erzählen. Als Aufbruch. Als Bühne. Als Moment, in dem eine Stadt sich größer fühlte als ihre Probleme.

Heute ist diese Erzählung brüchig geworden.

Die alte Erzählung trägt nicht mehr

Olympia braucht ein Wir. Es lebt von der Vorstellung, dass sich eine Stadt sammelt, dass aus vielen Einzelnen für ein paar Wochen ein gemeinsamer Atem wird. Aber viele Menschen hören nicht mehr: Das wird unser Fest. Sie hören: Das wird teuer. Das wird voll. Das wird für andere schön.

Für Hotels. Für Sponsoren. Für Bauunternehmen. Für Stadtmarketing. Für Funktionäre. Für Menschen, die sich Karten leisten können. Aber nicht unbedingt für jene, deren Miete steigt, deren Bahn zu spät kommt und denen seit Jahren erklärt wird, dass für das Nötige leider zu wenig Geld da sei.

Das ist kein kleines Ressentiment. Es ist eine Erfahrung. Vielleicht nicht immer gerecht gegenüber der olympischen Idee, aber sehr real gegenüber der Gegenwart.

Wir leben in einer Zeit, in der Krise kein Ereignis mehr ist, sondern Hintergrundrauschen. Krieg, Klima, Inflation, Wohnungsnot, marode Infrastruktur, politische Erschöpfung. Manchmal wirkt das Land, als säße es im Wartezimmer einer besseren Zukunft, die nicht aufgerufen wird.

In einer solchen Lage reicht ein positives Narrativ nicht aus, wenn es sich nur wie ein Plakat anfühlt. Man kann kein Sommermärchen bestellen, wenn viele nicht mehr glauben, dass solche Märchen für sie geschrieben werden.

Ein Wir lässt sich nicht verordnen. Es entsteht, wo Menschen sich in einer Erzählung wiederfinden. Oder es entsteht gar nicht.

Genau daran ist Hamburg gescheitert. Nicht an der Kampagne, nicht am Konzept, nicht an den Zahlen. Sondern an der Frage, wem dieses Fest gehören würde.

München könnte die Ausnahme sein

München könnte anders sein. Die Stadt hat es bereits gezeigt: Beim Bürgerentscheid am 26. Oktober 2025 stimmten 66,4 Prozent für eine Bewerbung – bei einer Rekordbeteiligung von 42 Prozent und mit Mehrheiten in jedem einzelnen Stadtbezirk. Vielleicht, weil diese Stadt sich selbst noch eher als Bühne versteht. Vielleicht, weil dort die Erinnerung an 1972 nicht nur Last, sondern auch Versprechen ist. Vielleicht, weil Wohlstand, Verwaltung und Selbstbild stabiler wirken als anderswo.

München traut sich so ein Projekt zu. Gerade darin liegt die Pointe: Wenn Olympia heute noch mehrheitsfähig ist, dann dort, wo Menschen ihrer Stadt zutrauen, dass aus Größe nicht sofort Überforderung wird.

Hamburg hat dieses Vertrauen nicht gegeben – zum zweiten Mal. Berlin müsste es erst beweisen. München scheint es noch zu besitzen. Am 26. September entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund, ob München, Berlin oder die Region Rhein-Ruhr für Deutschland ins Rennen geht.

Was politische Kommunikation daraus lernen kann

Hamburg ist kein Betriebsunfall, sondern ein Lehrstück. Drei Dinge lassen sich daraus ablesen.

Erstens: Ein Narrativ ist keine Botschaft, die man setzt. Es ist eine Erzählung, die an die Alltagserfahrung der Menschen anschließen muss. Wer von Aufbruch spricht, während die Zielgruppe Verzicht erlebt, produziert keine Zustimmung, sondern Zynismus.

Zweitens: Beteiligung ist kein Add-on. Der Hamburger Senat hatte vor dem Referendum ein Beteiligungsverfahren aufgesetzt, über 800 Vorschläge gesammelt und mehr als 150 davon ins Konzept übernommen. Es hat nicht gereicht. Bürgerbeteiligung schafft nur dann Vertrauen, wenn sie ergebnisoffen ist – nicht, wenn sie ein bereits beschlossenes Projekt nachträglich legitimieren soll.

Drittens: Das Wir entsteht vor der Kampagne. München konnte auf ein Selbstbild zurückgreifen, das 1972 mit einschließt. Hamburg musste eines behaupten. Kampagnen können vorhandenes Vertrauen aktivieren und verstärken. Sie können es nicht ersetzen.

Olympia scheitert am fehlenden Wir

Am Ende geht es nicht nur um Stadien, Verkehrskonzepte oder Kostenpläne. Es geht um die Frage, ob ein Land sich noch gemeinsame Freude zutraut. Ob es glaubt, dass ein großes Projekt nicht nur nach außen glänzt, sondern nach innen verbindet.

Olympia scheitert nicht an Olympia allein. Olympia scheitert am fehlenden Wir.


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Wie gesellschaftliche Kampagnen Mehrheiten gewinnen, beschreibe ich in den Grundlagen der Kampagnenkommunikation. Wenn Sie selbst ein Volksbegehren oder eine gesellschaftliche Kampagne planen, finden Sie hier mein Angebot für Beratung und Workshops zu Kampagnen und Volksbegehren. Einblicke aus der Praxis – vom bayerischen Volksbegehren „Rettet die Bienen“ bis zu Pro Reli – gibt das Interview über Kampagnen und Volksbegehren. Einen Überblick über meine Arbeit an der Schnittstelle von Kommunikation und Politik bietet die Seite Politikberatung & Public Affairs.

Über den Autor

Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege mit über 25 Jahren Erfahrung. Er berät politische Akteure, Verbände und Organisationen bei Wahlkämpfen, Kampagnen und Bürgerbeteiligung – vom erfolgreichsten Volksbegehren der Bundesrepublik, dem bayerischen „Rettet die Bienen“, bis zur Berliner Kirchenkampagne Pro Reli. Als Mitglied der degepol ist er dem Verhaltenskodex des Berufsverbands verpflichtet.
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