Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026. Ich analysiere die Kampagnen der antretenden Parteien aus kommunikationsstrategischer Sicht – handwerklich, nicht parteipolitisch. Als Politikberater bin ich von keiner der Berliner Parteien mandatiert und berichte daher ohne Interessenkonflikt.
Berlin hat viele Probleme und seit diesem Sommer auch ein Verb dafür: unf*cken. Der Duden wird es verkraften. Für einen Wahlkampf funktioniert das Wort ohnehin besser ohne amtliche Genehmigung.
Seit Wochen hängt es an Berliner Laternen, zunächst als rätselhafte Aufforderung, inzwischen mit Absender. Volt hat sich Mitte Juli als Urheber der Kampagne „unf*ck Berlin“ zu erkennen gegeben. Die Grundidee ist schnell erklärt: Berlin funktioniert an vielen Stellen nicht besonders gut, andere europäische Städte haben manche dieser Probleme besser gelöst, also sollte man sich dort etwas abschauen. Volt selbst formuliert es erwartungsgemäß etwas freundlicher und verspricht einen „konkreten Plan“, mit dem die Stadt wieder funktionieren soll.
Das ist zunächst einmal eine gute Wahlkampferzählung. Leider ist es 2026 auch ungefähr die Erzählung aller anderen.
Die CDU wirbt damit, Berlin werde wieder sauberer, schneller und funktionierender. Die SPD möchte „Wieder Berlin“. Die FDP behauptet „Berlin geht besser“. Die Grünen wollen „Raus aus dem Rückwärts“. Die AfD will „Berlin. Stark. Machen.“ Selbst dort, wo die politische Diagnose anders ausfällt, läuft erstaunlich viel auf dieselbe Botschaft hinaus: Diese Stadt ist kaputt, mit uns wird sie repariert. Die Umfeldanalyse des aktuellen Berliner Wahlkampfs lässt sich ziemlich treffend als Konkurrenz mehrerer Reparaturerzählungen lesen.
Das ist kommunikativ verständlich und politisch ein bisschen komisch. Denn einige der Parteien, die gerade mit großer Entschlossenheit den Berliner Schlendrian entdecken, hatten reichlich Gelegenheit, ihn aus nächster Nähe zu besichtigen. CDU und SPD regieren derzeit gemeinsam. Die SPD war davor jahrzehntelang fast ununterbrochen an Berliner Regierungen beteiligt. Die Grünen waren bis 2023 ebenfalls Regierungspartei. Wenn Regierende im Wahlkampf versprechen, endlich die Zustände zu beseitigen, die während ihres Regierens entstanden oder fortbestanden haben, erinnert das ein wenig an einen Hausmeister, der nach zehn Jahren im Gebäude ein Plakat aufhängt: „Jetzt aber wirklich gegen den kaputten Aufzug.“ Gerade für die SPD entsteht daraus ein Verantwortungsparadox, aber auch die CDU muss erklären, warum das große Aufräumen noch bevorsteht, obwohl sie seit 2023 den Regierenden Bürgermeister stellt.
Volt hat an dieser Stelle einen echten Vorteil. Die Partei war an all dem nicht beteiligt.
Wer ist Volt in Berlin eigentlich?
Das ist bei Volt eine wichtigere Frage, als es zunächst scheint. Denn eine lustig getextete Kampagne kann leicht den Eindruck einer sehr professionellen politischen Schülerzeitung erzeugen. Lila, jung, europäisch, irgendwas mit Digitalisierung. Die Berliner Partei versucht erkennbar, darüber hinauszukommen.
Volt nennt sich für die Berliner Wahl selbst die „sozial-liberale Mitte“. Gesellschaftspolitisch ist die Partei deutlich progressiv, bei Europa weit integrationsfreundlicher als die klassischen deutschen Parteien, bei Klima und sozialer Gleichberechtigung eher im grünen Spektrum. Gleichzeitig ist ihr Vokabular ungewöhnlich wirtschafts-, innovations- und technologieorientiert. Im Europäischen Parlament sitzen die fünf Volt-Abgeordneten übrigens nicht irgendwo zwischen FDP und AfD, sondern in der Fraktion Grüne/EFA. Nach der Europawahl 2024 hatte Volt sowohl mit den Grünen als auch mit der liberalen Renew-Fraktion verhandelt. Bei der anschließenden Mitgliederentscheidung votierten 87 Prozent für die Grünen.
Berlin gibt dieser Mischung einen eigenen Charakter. Auf Platz eins der Landesliste steht Anna Auerbach, dahinter Paul Loeper und Rafael Kaaz. Volt beschreibt Auerbachs Schwerpunkte mit sozialer Gerechtigkeit, einem innovativen Wirtschaftsstandort und einer digitalen, effizienten Verwaltung. Insgesamt wirkt die Kandidierendenliste auffällig geprägt von Menschen aus Beratung, Digitalisierung, Start-ups, Wissenschaft und internationalen beruflichen Zusammenhängen. Das passt ziemlich gut zur Marke, die hier aufgebaut wird.
Ganz bei null beginnt die Partei politisch allerdings auch in Berlin nicht mehr. Pia Voltz sitzt als Volt-Mitglied in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick. Dort hat sie unter anderem Anträge zu Fassadenbegrünung, einer digitalen Pflanzenliste und zur Regulierung von Silvesterfeuerwerk eingebracht, teilweise gemeinsam mit SPD oder Grünen. Das revolutioniert Berlin noch nicht. Aber es beantwortet immerhin die Frage, ob Volt mehr macht, als hervorragend bedruckte Kunststoffplatten an Laternen zu befestigen. Ja, ein bisschen. Für die Abgeordnetenhauswahl tritt Volt nun zudem in allen 78 Wahlkreisen an.
Und für wen ist das gedacht?
Man braucht keine groß angelegte Zielgruppenstudie, um eine plausible Vermutung zu formulieren. „Unf*ck Berlin“ richtet sich kaum primär an Menschen, die sich schon beim Gendersternchen persönlich von der Zivilisation verabschiedet fühlen. Die Kampagne spricht ein jüngeres, urbanes, gut ausgebildetes, digital geprägtes Publikum an. Menschen, für die englische Begriffe selbstverständlich sind, die Europa eher mit Erasmus als mit Gurkenverordnungen verbinden und bei einer politischen Headline eine Pointe durchaus als Mehrwert betrachten.
Das ist zunächst eine kommunikative Hypothese und keine empirisch nachgewiesene Wählerstruktur. Aber Sprache, Gestaltung, Personal und Themen zeigen auffällig in dieselbe Richtung. Volt bietet eine politische Identität für Menschen an, die gesellschaftlich liberal, ökologisch orientiert und zugleich von klassischer Lagerpolitik gelangweilt sind. Für ehemalige oder potenzielle Grünen-Wähler kann dabei der demonstrative Pragmatismus attraktiv sein. Für liberalere Wähler die Technologie- und Wirtschaftsfreundlichkeit. Und für beide die Vorstellung, dass Politik weniger Weltanschauungsseminar und mehr Problemlösungsagentur sein könnte.
Genau hier beginnt allerdings auch das Problem.
Politik als Reparaturbetrieb
„Volt macht, was woanders funktioniert.“ Das ist wahrscheinlich die interessanteste Aussage auf den Plakaten. Kopenhagen, Warschau oder andere europäische Städte werden damit zu einer Art politischem Ersatzteillager. Das ist für Volt sehr passend. Europa erscheint nicht als feierlicher Wert, sondern als praktische Suchmaschine.
Psychologisch ist das stark, weil soziale Bewährtheit – der Beleg, dass andere es schon erfolgreich tun – Unsicherheit reduziert. Wenn etwas an einem vergleichbaren Ort bereits funktioniert, erscheint es weniger riskant. Modelllernen macht abstrakte Machbarkeit anschaulich. In meinen bisherigen Analysen politischer Kommunikation taucht genau dieses Prinzip immer wieder auf: Reale Beispiele können Zweifel an der Umsetzbarkeit besser abbauen als ein weiteres Versprechen.
Aber der Satz enthält auch eine hübsche politische Selbsttäuschung. Was „funktioniert“, ist selten so objektiv, wie Volt es gern erscheinen lässt. Eine Verkehrslösung kann aus Sicht von Radfahrern hervorragend und aus Sicht von Gewerbetreibenden ziemlich lästig funktionieren. Eine Wohnungsregel kann Mieter schützen und zugleich Investitionen erschweren. Politik beginnt oft genau dort, wo unterschiedliche Menschen unter „funktionieren“ verschiedene Dinge verstehen.
„Evidenzbasiert statt ideologisch“ klingt deshalb wunderbar, ist aber selbst ein Frame. Evidenz kann sagen, welche Folgen eine Maßnahme wahrscheinlich hat. Sie kann nicht entscheiden, welche Folgen wir wichtiger finden. Das ist eine politische Wertentscheidung. Auch Volt kann der Politik die Politik nicht austreiben.
Warum die Plakate trotzdem funktionieren
Als Straßenwerbung ist die Kampagne handwerklich ziemlich klug. Menschen studieren Wahlplakate normalerweise nicht. Sie gehen zum Bus, telefonieren, suchen einen Parkplatz oder versuchen sich daran zu erinnern, weshalb sie eigentlich zu Rossmann wollten. Werbung wirkt hier unter geringem Involvement: Die Botschaft wird nicht konzentriert geprüft, sondern nur beiläufig verarbeitet. Und je geringer die Aufmerksamkeit, desto stärker entscheiden periphere Reize – einfache Signale, Wiederholung, Gestaltung und Sympathie – statt des Arguments selbst.
Volt bedient genau diese Rezeptionssituation. „Nicht Fahrrad gegen Auto. Alle gegen Schlaglöcher.“ ist in zwei Sekunden verstanden. Der Satz nimmt einen der ritualisiertesten Berliner Kulturkämpfe und ersetzt ihn durch einen gemeinsamen Gegner. Das ist gutes Reframing. Aus Rad gegen Auto wird Bürger gegen kaputte Infrastruktur.
Nur ist die Aussage politisch nahezu unangreifbar, weil sie fast nichts kostet. Wer genau ist eigentlich für Schlaglöcher? Auch „bessere Bildung“, „eine funktionierende Verwaltung“ oder „sichere Straßen“ sind keine Positionen, sondern zunächst Gemeinplätze. In der politischen Kommunikationsforschung würde man solche Gegenstände als Valenzthemen beschreiben: Alle wollen grundsätzlich dasselbe Gute. Was gute Wahlkommunikation ausmacht, beginnt genau dort, wo dieses Einvernehmen endet: bei Ursache, Priorität, Finanzierung und konkreter Maßnahme.
Genau daran krankt ein beträchtlicher Teil des gegenwärtigen Berliner Wahlkampfs. Parteien werben mit Zuständen, gegen die vernünftigerweise niemand etwas einzuwenden hat. Sauber. Sicher. Schnell. Bezahlbar. Funktionierend. Die entscheidende Information fehlt häufig: Warum sollte ausgerechnet diese Partei dazu fähig sein?
Bei Volt ist diese Leerstelle kleiner als bei manchen Konkurrenten, weil die Partei wenigstens einen Mechanismus anbietet: anderswo nachsehen, prüfen, übertragen. Das ist noch kein Beweis. Aber es ist mehr als „Wir machen Berlin besser“.
Ein grammatischer Unfall als USP
Besonders gut ist deshalb „DIE ERSTE PARTEI, DIE.“
Der Satz hört dort auf, wo unser Kopf seine Fortsetzung erwartet. Diese kleine Verletzung der Erwartung erzeugt Aufmerksamkeit. Anschließend kommt die eigentliche Positionierung: Volt übernimmt Lösungen unabhängig davon, wo sie entwickelt wurden.
Das nähert sich einer klassischen USP, also einer einzelnen, möglichst prägnanten Eigenschaft, die eine Marke gegenüber Wettbewerbern besetzen möchte. Solche Botschaften funktionieren gerade deshalb, weil sie Komplexität reduzieren: Eine einzige, zugespitzte Aussage entlastet die Verarbeitung und bleibt eher haften als ein Bündel aus fünf Argumenten. Viel hilft eben nicht immer viel. Wie eine Partei ihre Kampagne strategisch aufbaut, entscheidet sich an genau solchen Positionierungsfragen.
Hier besitzt Volt tatsächlich etwas Eigenes. „Wir beseitigen den Schlendrian“ besitzt 2026 ungefähr jeder. „Wir machen Berlin zum Importeur funktionierender europäischer Lösungen“ gehört deutlich erkennbarer Volt.
Wenn der Witz die Botschaft auffrisst
Nicht jedes Motiv schafft das gleich gut. „WOLT VÄHLEN“ fällt selbstverständlich auf. Darunter folgt die Erklärung: bessere Bildung, weil ein Drittel der Erstklässerinnen und Erstklässer nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfüge.
Das Problem liegt weniger in der Aufmerksamkeit als im Ton. Der Witz besteht aus falscher Sprache. Anschließend wird erklärt, falsche beziehungsweise unzureichende Sprache sei ein ernstes Problem. Das kann funktionieren. Es kann aber ebenso den Eindruck erzeugen, dass Kinder mit Sprachdefiziten erst einmal als Pointe herhalten.
Humor hat in Werbung generell diese heikle Eigenschaft. Er zieht Aufmerksamkeit an, garantiert aber nicht, dass die Aufmerksamkeit beim Argument landet. Und bei politischer Kommunikation kommt Reaktanz hinzu – der psychologische Widerstand, der entsteht, wenn Menschen ihre Entscheidungsfreiheit bedroht sehen. Wer das Gefühl hat, seine Gruppe werde verspottet oder moralisch bewertet, verarbeitet dieselbe Pointe vollkommen anders als jemand, der sich mit dem Absender identifiziert. Genau das ist die Gefahr: Wahrgenommene Beeinflussung und Bevormundung lösen Widerstand aus, besonders bei Themen mit persönlicher Bedeutung.
Auch die große „unf*ck Berlin“-Liste mit Müllbergen, Clubsterben, Wassermangel, Antisemitismus, Wohnungsbesichtigungsschlangen, Schlaglöchern, Ratten, Dauerstau und Hertha außerhalb der ersten Liga ist ein interessantes Grenzexperiment. Niemand liest dieses Plakat vollständig im Vorbeigehen. Aber vielleicht soll man das auch gar nicht. Die Überforderung ist selbst die Aussage. Berlin hat so viele Probleme, dass sie nicht mehr ordentlich aufs Plakat passen.
Das ist visuell clever und politisch etwas billig. Denn wenn Antisemitismus, häusliche Gewalt, Schlaglöcher, Tennisspielen in Krisenzeiten und Hertha typografisch zu Elementen derselben großen Berlin-Nervliste werden, verschwindet jede politische Hierarchie. Alles ist irgendwie kaputt. Genau das erzeugt Stimmung, aber noch keine Analyse.
Was Volt im Kopf besitzen will
Und trotzdem gehört Volts Kampagne zu den interessanteren dieses Berliner Wahlkampfs. Nicht weil „unf*ck“ besonders rebellisch wäre. Ein Sternchen im F-Wort erschüttert 2026 vermutlich keine Grundfesten mehr. Interessant ist die Verbindung aus Ton und Positionierung.
Volt versucht, ein Angebot zu besetzen, das zwischen den klassischen Lagern liegt: progressive Ziele ohne grüne Selbstcodierung, Modernisierung ohne FDP-Deregulierungsreflex, soziale Politik ohne linke Systemkritik und Europa ohne Sonntagsrede. Daraus entsteht die Figur des pragmatischen Modernisierers.
Die mutmaßliche Zielgruppe versteht den Witz wahrscheinlich genauso gut wie die dahinterliegende Verheißung: Wir sind Leute wie ihr. Wir kennen diese Stadt, wir kennen andere Städte, wir haben keine Lust mehr auf die üblichen Rituale und wir würden gern einfach Dinge lösen.
Das ist eine ziemlich gute politische Marke.
Nur sollte man ihr den letzten Satz nicht ganz durchgehen lassen. Denn Berlin scheitert selten daran, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, etwas Vernünftiges zu tun. Es scheitert an Geld, Zuständigkeiten, Interessen, Mehrheiten, Verwaltung, Widerständen und manchmal an Parteien, die gestern etwas verhindert haben, das sie heute in Großbuchstaben fordern.
Die schwierigste Frage für Volt beginnt deshalb dort, wo das Plakat endet: Was passiert, wenn man das gute Beispiel aus Kopenhagen gefunden hat und in Berlin jemand Nein sagt?
Dann beginnt Politik. Und dann wird sich zeigen, ob Volt Berlin tatsächlich unf*cken kann oder bisher vor allem sehr gut darin ist, das Problem zu beschriften.
Wie Wahlkämpfe strategisch geplant werden, beschreibt der Beitrag Grundlagen der Wahlkommunikation. Warum gesellschaftliche Kampagnen an der Botschaft und nicht am Budget scheitern, vertiefen die Grundlagen der Kampagnenkommunikation. Alle Themen der politischen Kommunikation im Überblick: Politikberatung & Public Affairs.
Alle Analysen der Serie
Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026, in der ich die Kampagnen aller neun antretenden Parteien nach denselben handwerklichen Maßstäben analysiere. Die vollständige Übersicht mit allen Parteien finden Sie auf der Serienübersicht zum Berliner Wahlkampf 2026.
Wer eine Kampagne strategisch plant, statt sie nur zu analysieren, steht vor denselben Fragen wie diese Parteien: Welches Problem soll im Kopf der Zielgruppe entstehen, welche Botschaft trägt und welcher Frame wirkt? Genau daran arbeite ich in der Politikberatung und Public-Affairs-Kommunikation – für Parteien, Verbände und Organisationen, die politische Kommunikation nicht dem Zufall überlassen wollen.
