Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026. Ich analysiere die Kampagnen der antretenden Parteien aus kommunikationsstrategischer Sicht – handwerklich, nicht parteipolitisch. Als Politikberater bin ich von keiner der Berliner Parteien mandatiert und berichte daher ohne Interessenkonflikt.
Der intelligenteste Satz der Berliner CDU-Kampagne ist grammatisch eigentlich noch gar nicht fertig.
„Berlin wird.“
Was wird Berlin? Sicherer. Sauberer. Digitaler. Schneller. Größer. Gerechter. Die Kampagnenseite führt das Prinzip ziemlich konsequent durch. Fast jedes politische Thema lässt sich an diese beiden Wörter anhängen. Zugleich steckt darin eine elegante Lösung für das klassische Problem jeder Regierungspartei: Was verspricht man eigentlich, wenn man bereits regiert? Die CDU behauptet nicht, Berlin sei schon sauber, die Verwaltung funktioniere tadellos oder alle Probleme seien gelöst. Sie sagt: Es wird. Der Anfang sei gemacht, jetzt müsse es weitergehen. Genau so formuliert die Partei ihre Kampagnenerzählung selbst.
Das war schon unter Kai Wegner ein cleverer Frame. Seit Juli ist er noch interessanter geworden. Denn inzwischen muss „Berlin wird“ etwas leisten, was beim Start der Kampagne vermutlich nicht vorgesehen war: Die Geschichte soll dieselbe bleiben, obwohl ihr Hauptdarsteller ausgetauscht wurde.
Kai Wegner zog am 10. Juli, nur rund zehn Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl, seine Spitzenkandidatur zurück. Wenige Tage später bestimmte der CDU-Landesvorstand Finanzsenator Stefan Evers einstimmig zum neuen Spitzenkandidaten. Wegner bleibt Regierender Bürgermeister, aber Evers soll die CDU in die Wahl am 20. September führen. Der rbb bezeichnete einen Kandidatenwechsel so kurz vor der Wahl als beispiellos in der jüngeren Berliner Geschichte.
Damit bekommt das kleine Wort „wird“ plötzlich noch eine zweite Funktion. Es beschreibt nicht nur Berlin. Es hält auch die CDU-Kampagne zusammen.
Wer ist diese Berliner CDU jetzt eigentlich?
Die Ausgangslage ist ungewöhnlich. Die CDU gewann die Wiederholungswahl 2023 mit 28,2 Prozent deutlich und übernahm gemeinsam mit der SPD die Regierung. Kai Wegner wurde Regierender Bürgermeister. Anders als Volt oder FDP kann die CDU also nicht primär mit der Behauptung antreten, sie würde es ganz anders machen, wenn man sie nur endlich ließe. Sie muss erklären, was ihre bisherige Regierungszeit gebracht hat und warum sie weitere fünf Jahre verdient.
Nun führt allerdings nicht mehr Wegner diese Bilanz in den Wahlkampf, sondern Stefan Evers. Ein kompletter Neuanfang ist das nicht. Evers gehört seit vielen Jahren zum innersten Kreis der Berliner CDU. Er saß seit 2011 im Abgeordnetenhaus, war stellvertretender Fraktionsvorsitzender, parlamentarischer Geschäftsführer, stadtentwicklungspolitischer Sprecher und von 2016 bis 2023 Generalsekretär der Landespartei. Im Senat ist er Bürgermeister und Finanzsenator, inzwischen verantwortet er zusätzlich das Kulturressort.
Das macht seine kommunikative Aufgabe ziemlich speziell. Er kann schlecht behaupten, mit der bisherigen CDU-Regierung nichts zu tun zu haben. Gleichzeitig muss er genügend Eigenständigkeit entwickeln, damit sein Aufstieg zum Spitzenkandidaten überhaupt als Veränderung wahrgenommen wird.
Die CDU braucht also Kontinuität und Neustart gleichzeitig. Normalerweise ist das ungefähr so einfach, wie bei voller Fahrt den Fahrer zu wechseln und anschließend zu erklären, am Wagen habe sich eigentlich nichts geändert. „Berlin wird“ macht genau das erstaunlich gut möglich.
Für wen ist das gedacht?
Die CDU versucht dabei weniger als Volt oder die Grünen, ein klar abgegrenztes kulturelles Milieu anzusprechen. Ihr Angebot ist breiter. Es richtet sich an Menschen, denen Sicherheit, Ordnung und eine funktionierende Verwaltung wichtig sind, an Familien und wirtschaftlich etablierte Mittelschichten, an Eigentümer, Pendler und Autofahrer, aber auch an jene Berliner, die sich von einer aus ihrer Sicht zu ideologischen Verkehrs-, Sprach- oder Gesellschaftspolitik der vergangenen Jahre abgestoßen fühlen.
Entscheidend ist dabei, dass die CDU „Ordnung“ inzwischen viel weiter interpretiert als klassisches Recht und Ordnung. Ordnung bedeutet auch: Ein Termin im Bürgeramt ist verfügbar. Müll wird abgeholt. Zuständigkeiten sind geklärt. Eine Baustelle wird fertig. Eine Genehmigung kommt irgendwann tatsächlich aus dem Amt.
Das ist kommunikativ klug, weil es einen traditionellen CDU-Kompetenzbereich in den Berliner Alltag übersetzt. Sicherheit ist nicht mehr nur Polizeipräsenz. Sie wird Teil eines größeren Versprechens von staatlicher Handlungsfähigkeit. Und genau dort trifft die CDU auf fast alle anderen Parteien.
Auch die CDU arbeitet im großen Berliner Reparaturbetrieb
Der Berliner Wahlkampf 2026 wirkt inzwischen wie eine Ausschreibung für einen Generalunternehmer. Volt bekämpft Schlaglöcher, die FDP Verwahrlosung, die SPD stehende Baustellen, die Grünen unzuverlässige Öffis. Die CDU verspricht eine Stadt, die sicherer, sauberer, digitaler und schneller wird.
Das sind klassische Valenzthemen. Niemand tritt für schlechtere Bürgerämter, mehr Müll oder langsamere Verwaltung an. Der politische Unterschied entsteht erst bei zwei Fragen: Wer erklärt plausibel, warum die Probleme existieren? Und wer kann glaubwürdig behaupten, sie tatsächlich lösen zu können? Genau an dieser Stelle trennt sich gute Wahlkommunikation von austauschbaren Versprechen.
Die CDU versucht dabei stärker als einige Konkurrenten, nicht nur Versprechen, sondern Belege zu liefern. Auf ihrer Kampagnenseite nennt sie mehr als 400 digitale Verwaltungsangebote, schnellere Bürgeramtstermine, eine beschlossene Verwaltungsreform, Investitionen in die BVG, genehmigte Wohnungen und höhere Beträge bei der Vermögensabschöpfung gegen organisierte Kriminalität. Das sind Angaben der Partei zu ihrer eigenen Regierungsbilanz und damit selbstverständlich keine unabhängige Erfolgskontrolle. Kommunikativ erfüllen sie trotzdem eine wichtige Funktion.
Sie erzeugen Konkretheit und Evidenzheuristik. „Wir haben die Verwaltung verbessert“ ist eine Behauptung. „Mehr als 400 digitale Angebote“ klingt nach einem überprüfbaren Ergebnis. Menschen können die Zahl im Vorbeigehen kaum überprüfen, aber ihre Spezifität verändert die Wahrnehmung der Aussage.
Die CDU versucht deshalb nicht nur zu sagen: Wir können Berlin reparieren. Sie sagt: Wir reparieren schon.
Der psychologische Vorteil einer halb fertigen Arbeit
Genau darin steckt das stärkste Wirkprinzip von „Berlin wird“.
Ein begonnenes Vorhaben fühlt sich anders an als eines, das noch vollständig in der Zukunft liegt. Sichtbarer Fortschritt kann die Bereitschaft erhöhen, einen eingeschlagenen Weg fortzusetzen. In der Verhaltenspsychologie lässt sich das mit Endowed Progress, also dem psychologischen Wert eines bereits erreichten Zwischenstands, und allgemeiner mit Fortschrittsheuristiken erklären.
Die CDU übersetzt das ziemlich sauber in Wahlkommunikation. Der Anfang ist gemacht. Jetzt nicht abbrechen. Das ist klassische Incumbency-Kommunikation. Eine Regierungspartei verkauft weniger den radikalen Neubeginn als die positive Richtung des Bestehenden. Das ist auch deshalb nützlich, weil der Frame mit Erfolg und Misserfolg erstaunlich gut zurechtkommt.
Wenn etwas funktioniert, ist das der Beweis: Berlin wird. Wenn etwas noch nicht funktioniert, ist das ebenfalls erklärbar: Berlin wird eben noch. Das Futur besitzt eine bemerkenswerte politische Elastizität.
Der Kandidatenwechsel macht diese Mechanik allerdings riskanter. Denn normalerweise würde eine solche Fortschrittserzählung eng mit dem amtierenden Regierungschef verbunden. Jetzt sagt die CDU im Grunde: Der eingeschlagene Weg ist richtig, aber der Mann, der ihn bisher anführte, führt uns nicht mehr in die nächste Wahl.
Damit entsteht eine unausgesprochene Frage, die kein Claim vollständig beseitigen kann: Wenn der Kurs stimmt, warum wechselt kurz vor dem Ziel der Fahrer?
Evers muss darauf kommunikativ nicht unbedingt direkt antworten. Er muss vor allem erreichen, dass die Frage irgendwann nicht mehr gestellt wird.
Aus dem Finanzsenator muss in wenigen Wochen eine Hauptfigur werden
Dabei hat Evers ein zusätzliches Problem. Er ist politisch erfahren, aber für viele Berliner wesentlich weniger bekannt als Wegner. Der erste BerlinTrend nach dem Kandidatenwechsel zeigte, dass ein großer Teil der Befragten seine Arbeit noch gar nicht bewerten konnte. Gleichzeitig legte die CDU nach dem Wechsel zunächst wieder zu, und bei einer hypothetischen Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters lag Evers in dieser Erhebung vorne.
Das ist für politische Kommunikation eine ungewöhnliche Kombination: geringe Bekanntheit kann ein Nachteil sein, aber sie bedeutet zugleich, dass das Bild des Kandidaten noch nicht vollständig festgelegt ist. Evers kann also in wenigen Wochen stärker geformt werden als ein Kandidat, über den die Wähler längst eine Meinung besitzen.
Genau dazu passt auch das Motiv „Freiheit statt Islamismus.“ Es unterscheidet sich deutlich von den eher administrativen „Berlin wird“-Botschaften. Hier steht nicht die Bilanz im Vordergrund, sondern Haltung. Evers blickt frontal in die Kamera, die Arme verschränkt, die Aussage ist binär aufgebaut: Freiheit hier, Islamismus dort.
Psychologisch arbeitet das mit Bedrohungssalienz und Kontrastframing. Ein komplexes sicherheitspolitisches Thema wird auf zwei gegensätzliche Begriffe reduziert. Zugleich versucht die CDU, ihren klassischen Sicherheitsanspruch mit einem liberalen Wert zu verbinden. Nicht Ordnung statt Freiheit, sondern Sicherheit als Voraussetzung von Freiheit.
Damit lässt sich ein Großstadt-Konservatismus erzählen, der nicht nur ältere Stammwähler anspricht. Die Botschaft lautet sinngemäß: Ein freies, vielfältiges Berlin kann nur frei bleiben, wenn der Staat diejenigen konsequent bekämpft, die diese Freiheit abschaffen wollen. Das ist wesentlich profilierter als „Saubere Stadt“.
Es polarisiert allerdings auch stärker. Gerade deshalb muss die begriffliche Trennung zwischen Islamismus als extremistischer politischer Ideologie und Islam beziehungsweise Muslimen als Religion und gesellschaftlicher Gruppe eindeutig bleiben. Die Wirkung eines solchen Motivs entsteht gerade aus seiner starken Vereinfachung. Das macht sprachliche Präzision umso wichtiger.
Zwei Kampagnen in einer
Man kann die CDU-Kommunikation deshalb inzwischen fast als zwei miteinander verbundene Ebenen lesen.
Die erste lautet „Berlin wird.“ Sie verkauft Bilanz, Fortschritt und Kompetenz. Bürgeramt, Wohnen, Verkehr, Sicherheit, Verwaltung. Das ist die rationale Rechtfertigung für weitere Regierungsverantwortung. Die CDU selbst strukturiert ihre Kampagnenseite genau über diese Fortschrittserzählung und betont immer wieder, der Anfang sei gemacht.
Die zweite Ebene muss Stefan Evers als politische Figur etablieren. Dafür reicht es nicht, den Finanzsenator vor eine Liste erfolgreich erledigter Verwaltungsprojekte zu stellen. Er braucht Konflikte, Werte und erkennbare Haltung. „Freiheit statt Islamismus“ erfüllt genau diese Funktion.
Psychologisch gesprochen verbindet die CDU damit Kompetenzsignale mit Identitätssignalen. Das eine sagt: Wir können regieren. Das andere sagt: Dafür stehen wir. Der kurzfristige Kandidatenwechsel macht diese Kombination fast zwingend. Wegner konnte als amtierender Regierender Bürgermeister bereits durch sein Amt Führung symbolisieren. Evers muss diese Wahrnehmung erst erzeugen. Wie eine solche Kampagnenarchitektur aufgebaut wird, entscheidet oft über ihren Erfolg.
Das gefährlichste Wort bleibt trotzdem „wird“
Denn am Ende besitzt jede Fortschrittserzählung ein Ablaufdatum. Nach drei Jahren Regierungszeit kann eine Partei noch glaubwürdig sagen, dass manche Reformen Zeit brauchen. Je länger sie regiert, desto stärker verändert sich allerdings die Erwartung. Irgendwann reicht die Richtung nicht mehr. Dann werden Resultate bewertet.
Die CDU versucht diesen Moment hinauszuschieben, indem sie ihre Bilanz als Zwischenstand erzählt. Verwaltungsreform beschlossen, Digitalisierung begonnen, Wohnungsbau beschleunigt, Polizeirecht verschärft. Die Darstellung der Partei lautet konsequent: Es ist schon etwas passiert, aber wir sind noch nicht fertig.
Mit Wegners Rückzug wird diese Argumentation komplizierter. Denn der Kandidatenwechsel kann von Wählern auch als implizites Signal gelesen werden, dass mit dem bisherigen Verlauf eben doch nicht alles zufriedenstellend war. Das ist eine Interpretation, keine zwangsläufige Folge. Aber genau gegen diese Interpretation muss die Kampagne arbeiten.
Deshalb dürfte die CDU in den kommenden Wochen versuchen, Wegners Abgang kommunikativ zu entpersonalisieren und den begonnenen Kurs stärker mit der Partei als Ganzes zu verbinden. Nicht Wegner wird. Nicht Evers wird. Berlin wird.
Der Claim war vermutlich nie für diese Situation erfunden worden. Aber vielleicht zeigt sich gerade jetzt, wie gut er konstruiert ist.
Was die CDU im Kopf besetzen will
Die CDU versucht 2026 nicht nur Sicherheit zu besetzen. Auch Sauberkeit, Verwaltung oder Wohnungsbau sind dafür zu breit umkämpft. Sie möchte Handlungsfähigkeit im Kopf besetzen.
Die zentrale Erzählung lautet: Berlin war lange eine Stadt, in der viel diskutiert, verwaltet und blockiert wurde. Unter CDU-Führung passieren wieder Dinge. Entscheidungen werden getroffen. Regeln durchgesetzt. Bürgerämter funktionieren besser. Verwaltung wird reformiert. Infrastruktur gebaut.
Genau deshalb ist der Kandidatenwechsel für die Kampagne so interessant. Die CDU muss beweisen, dass diese Handlungsfähigkeit nicht an Kai Wegner hängt. Stefan Evers soll gleichzeitig für Kontinuität und eine neue Führungsfigur stehen. Er übernimmt die Bilanz, aber nicht einfach die Rolle seines Vorgängers. Er soll vermitteln: Der Kurs bleibt, die Führung wechselt, die Bewegung geht weiter.
Das ist ein anspruchsvoller Balanceakt. Aber „Berlin wird“ gibt ihm dafür erstaunlich viel Raum. Andere Parteien sagen: Berlin muss besser werden. Die CDU sagt: Berlin wird bereits besser. Und es wird auch ohne den bisherigen Spitzenkandidaten weiter.
Das ist wahrscheinlich die eigentliche Botschaft dieser Kampagne geworden. Ob die Berliner den Fahrerwechsel als Beweis für Erneuerungsfähigkeit oder als Zweifel am bisherigen Kurs lesen, entscheidet darüber, ob sie funktioniert. Denn irgendwann kommt bei jeder Regierung der Moment, in dem aus dem „wird“ ein „ist“ werden muss.
Wie Wahlkämpfe strategisch geplant werden, beschreibt der Beitrag Grundlagen der Wahlkommunikation. Warum Regierungsparteien anders kommunizieren müssen als Herausforderer, vertiefen die Grundlagen der Kampagnenkommunikation. Alle Themen der politischen Kommunikation im Überblick: Politikberatung & Public Affairs.
Alle Analysen der Serie
Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie zum Berliner Wahlkampf 2026, in der ich die Kampagnen aller neun antretenden Parteien nach denselben handwerklichen Maßstäben analysiere. Die vollständige Übersicht mit allen Parteien finden Sie auf der Serienübersicht zum Berliner Wahlkampf 2026.
Wer eine Kampagne strategisch plant, statt sie nur zu analysieren, steht vor denselben Fragen wie diese Parteien: Welches Problem soll im Kopf der Zielgruppe entstehen, welche Botschaft trägt und welcher Frame wirkt? Genau daran arbeite ich in der Politikberatung und Public-Affairs-Kommunikation – für Parteien, Verbände und Organisationen, die politische Kommunikation nicht dem Zufall überlassen wollen.
Zur Einordnung: Ich analysiere in dieser Serie die Kampagnen aller relevanten Parteien nach denselben handwerklichen Maßstäben. Als unabhängiger Politikberater bin ich mit keiner Berliner Partei mandatiert. Diese Analyse ist weder Wahlempfehlung noch Kritik im parteipolitischen Sinn, sondern eine kommunikationsstrategische Betrachtung.
