Lateral Thinking: Warum Kemal Atatürks Prostituierten-Trick auch in deutschen Freibädern funktioniert

Lateral Thinking: Warum Kemal Atatürks Prostituierten-Trick auch in deutschen Freibädern funktioniert

Rory Sutherland, die vielleicht unterhaltsamste Werbelegende der Gegenwart, erzählt gern eine Anekdote über Mustafa Kemal Atatürk. Er habe, so geht die Geschichte, das Verschleiern nicht einfach verboten, sondern es sozial entwertet: Der Schleier sei zur Pflicht für Prostituierte erklärt worden. Damit war er, zumindest in dieser Erzählung, für bürgerliche Frauen erledigt. Ob das historisch stimmt, ist fast nebensächlich. Wahrscheinlich stimmt es nicht. Aber es ist eine dieser Geschichten, die man nicht wegen ihrer Fakten weitererzählt, sondern wegen ihrer Mechanik. Sie zeigt, dass Normen nicht immer durch Verbote verschwinden. Manchmal kippen sie seitwärts. Man verändert nicht den Menschen. Man verändert die Bühne, auf der er sich zeigen will.

Ein Freibad, das anders tickt

Ich musste an diese Anekdote denken, als ich im Urlaub in einer westdeutschen Stadt jeden Tag mit meiner Familie ins Freibad ging. Es war kein besonderes Bad im touristischen Sinn. Keine spektakuläre Architektur, keine Erlebnislandschaft mit künstlichem Südseeflair. Es war einfach ein Freibad. Becken, Wiese, Kiosk, Umkleiden, Chlorgeruch, das helle Kreischen von Kindern, diese eigentümliche Sommerdemokratie aus Badelatschen, Handtüchern und Pommes rot-weiß.

Und doch war etwas anders. Es war erstaunlich ruhig. Nicht leise, aber friedlich. Es gab ernsthafte Schwimmer, ältere Leute, die ihre Bahnen zogen, Familien, die nicht ständig nervös zum Beckenrand schauten, Jugendliche, die einfach Jugendliche waren, ohne das Bad zur Arena zu machen. Keine Rangeleien, keine Machtdemonstrationen, keine Gruppen, die das Gelände wie eine eroberte Zone behandelten. Wer öfter in öffentliche Bäder geht, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Viele Bäder sind heute kleine soziale Brenngläser: Dort treffen Freizeit, Status, Körper, Unsicherheit, Langeweile, Hitze und Gruppendynamik auf engstem Raum zusammen. Das kann schön sein. Es kann aber auch kippen.

Weil ich neugierig war, kam ich mit einem Bademeister ins Gespräch. Ich fragte ihn, warum dieses Bad so entspannt wirke. Er erzählte mir eine Geschichte, die für mich sofort nach einem Lehrstück aus der Kommunikationsstrategie klang, obwohl sie nicht als Strategie begonnen hatte.

Eine Hygieneregel, keine Moralpredigt

Vor einigen Jahren, sagte er, habe das Bad ein Hygieneproblem gehabt. Nicht nur im gefühlten Sinn, sondern ganz praktisch: Die Wasserqualität war schwer zu halten, der Chlorverbrauch hoch. Als ein Grund wurden große, weite Badeshorts ausgemacht. Diese langen Stoffteile, die mit klassischer Badebekleidung nur noch lose verwandt sind. Sie saugen sich voll, bringen Dreck ins Wasser, haben Taschen, in denen sich Sand, Staub, Taschentücher und Zigarettenreste sammeln. Aus Sicht der Badetechnik ist das nicht romantisch. Es ist schlicht unpraktisch.

Die Lösung war zunächst vollkommen unideologisch. Keine Kampagne für bessere Badekultur, kein Appell an Respekt, kein Schild mit pädagogischer Moral. Es wurde eine Hygieneregel eingeführt: Männer dürfen nur noch mit eng anliegender Badehose ins Wasser. Wer keine dabei hat, kann sich eine desinfizierte Badehose kostenlos ausleihen. Nicht kaufen. Nicht teuer nachrüsten. Einfach ausleihen. Die Regel galt für alle. Sie war sachlich begründet, technisch nachvollziehbar. Und sie war, wie sich herausstellte, sozial viel wirksamer als gedacht.

Denn dann passierte etwas, womit offenbar niemand in dieser Klarheit gerechnet hatte. Ein bestimmter Typ junger Männer blieb weg. Nicht alle jungen Männer, natürlich nicht. Aber jene Gruppen, die das Bad vorher als Bühne für Lautstärke, Körperinszenierung und kleine Dominanzgesten genutzt hatten, standen plötzlich vor einer Wahl: eng anliegende Badehose tragen oder gehen. Viele gingen.

Sozial nackt: Warum die Regel wirkte

Das ist der Punkt, an dem die Geschichte interessant wird. Denn es ging nicht um den Stoff. Es ging um die Bedeutung des Stoffes. Die weiten Badeshorts waren nicht nur Kleidung. Sie waren Rüstung. Street Credibility. Distanz zum eigenen Körper. Ein tragbares Symbol von Coolness, Gruppe, Pose und männlicher Unberührbarkeit. Wer sich über diese Codes stabilisiert, kann in einer engen Badehose nicht einfach dieselbe Rolle weiterspielen. Der Körper wird sichtbarer. Die soziale Verpackung fällt weg. Man ist nicht nackt im biologischen Sinn, aber man ist sozial nackt. Genau darin lag die Wirkung.

Das Bad hatte also nicht die Störer adressiert. Es hatte nicht gesagt: Ihr seid das Problem. Es hatte keine Gruppe benannt, keine Debatte eröffnet, keine Kulturfront aufgebaut. Es hatte eine Regel eingeführt, die aus Hygienegründen für alle galt und die nebenbei einen psychografischen Filter erzeugte.

Wer zum Schwimmen kam, konnte bleiben. Wer zum Posen kam, verlor seine Bühne. Gute Regeln filtern Verhalten, nicht Menschen.

Kurze Zeit später, so erzählte es der Bademeister, habe sich das Publikum deutlich verändert. Der Chlorverbrauch sank um etwa dreißig Prozent. Die Wasserqualität wurde besser. Familien kamen entspannter, Senioren trauten sich wieder ins Wasser. Die Atmosphäre beruhigte sich. Und das Bemerkenswerte daran: Niemand musste hinausgeworfen werden. Niemand wurde öffentlich beschämt. Niemand wurde als Problemgruppe markiert. Die Regel hat einfach die Bedingungen verändert, unter denen bestimmte Verhaltensweisen attraktiv oder unattraktiv wurden.

Seitwärts denken statt frontal eskalieren

Genau das meinte Edward de Bono, als er vom Lateral Thinking sprach. Seitlich denken statt frontal eskalieren. Nicht immer dort ansetzen, wo das Problem am lautesten sichtbar wird. Sondern fragen: Welche unscheinbare Bedingung hält dieses Verhalten eigentlich stabil? Welche Bühne braucht es? Welche Belohnung? Welche soziale Verpackung? Und was passiert, wenn man nicht das Verhalten bekämpft, sondern die Umgebung verschiebt, in der es sich lohnt?

Unsere Zeit liebt frontale Lösungen. Wenn etwas stört, soll es benannt, reguliert, verboten, sanktioniert oder moralisch eingeordnet werden. Das ist manchmal nötig: Es gibt Probleme, die klare Regeln und harte Grenzen brauchen. Aber oft erzeugt die frontale Lösung sofort ein Gegenüber. Aus einem Sachproblem wird ein Identitätskonflikt. Aus einer Baderegel wird eine Debatte über Freiheit, Männlichkeit, Diskriminierung oder staatliche Bevormundung. Und sobald ein Thema in diese Form gerät, wird es schwerer lösbar, weil alle Beteiligten beginnen, ihre Position zu verteidigen.

Die Eleganz der Freibadgeschichte liegt darin, dass sie diesen Umweg vermeidet. Sie sagt nicht: Benehmt euch. Sie sagt: Das Wasser braucht bestimmte Bedingungen. Sie sagt nicht: Ihr seid hier unerwünscht. Sie sagt: Zum Schwimmen gehört diese Kleidung. Das klingt kleiner, ist aber stärker. Denn gute Regeln sind selten die lautesten. Es sind jene, die das gewünschte Verhalten leichter, normaler und selbstverständlicher machen.

Arrangements schlagen Argumente

Für Kommunikation ist das eine wichtige Erinnerung. Wir glauben, Menschen änderten sich, weil sie einen besseren Text lesen, eine bessere Rede hören oder mit besseren Gründen konfrontiert werden. Manchmal stimmt das. Oft aber ändern sich Menschen, weil sich die soziale Situation ändert. Weil ein Verhalten plötzlich peinlich wirkt. Weil ein anderer Standard sichtbar wird. Weil ein Default verschoben wurde. Weil man mit derselben Handlung nicht mehr dieselbe Wirkung erzielt.

Wir überschätzen Argumente und unterschätzen Arrangements. Menschen ändern sich, wenn sich die Situation ändert – nicht, wenn man sie belehrt.

Das gilt im Kleinen, im Freibad. Es gilt aber auch in Organisationen, in Städten, in gesellschaftlichen Kampagnen und politischen Prozessen. Wer will, dass Menschen sich anders verhalten, muss nicht immer mit erhobenem Zeigefinger kommen. Man kann eine andere Einladung aussprechen. Man kann neue Normalität sichtbar machen. Man kann den Weg des geringsten Widerstands verändern. Man kann eine Regel so setzen, dass sie nicht wie Strafe wirkt, sondern wie Ordnung.

Mich beschäftigt an der Geschichte auch, wie viel Zufall in guter Strategie steckt. Das Bad wollte zuerst die Wasserqualität verbessern. Es entdeckte nebenbei, dass eine Hygieneregel auch eine soziale Regel sein kann. Aus einem technischen Problem wurde eine kulturelle Lösung. Gerade deshalb ist die Geschichte so wertvoll. Sie erinnert daran, dass gute Ideen nicht immer aus großen Kreativprozessen kommen. Manchmal liegen sie in einer Beobachtung, in einem Nebeneffekt, in einer kleinen Irritation. Entscheidend ist, ob man sie erkennt.

Die Grenzen der eleganten Lösung

Natürlich hat diese Art des Denkens Grenzen. Nicht jedes soziale Problem lässt sich elegant wegdesignen. Nicht jede Gruppe, die stört, kann oder soll durch eine Kleiderordnung aussortiert werden. Und man muss sehr genau darauf achten, dass solche Regeln nicht heimlich ungerecht werden. Aber gerade weil diese Vorsicht wichtig ist, lohnt der Blick auf das Prinzip. Eine gute seitliche Lösung ist keine Trickserei. Sie ist der Versuch, mit weniger Härte mehr Wirkung zu erzielen.

Vielleicht ist das überhaupt eine der großen strategischen Fragen unserer Zeit: Wie verändert man Wirklichkeit, ohne sofort die nächste Abwehrschlacht zu eröffnen? Wie bewegt man Menschen, ohne sie zuerst zu Gegnern zu machen? Wie schafft man Regeln, die nicht nur korrekt sind, sondern sozial klug? Wie baut man Räume, in denen sich das bessere Verhalten nicht heroisch anfühlt, sondern selbstverständlich? Das ist im Kern dieselbe Frage, die auch jede gelungene Bürgerbeteiligung beantworten muss.

Was bleibt

Im Freibad wurde diese Frage auf überraschend einfache Weise beantwortet. Nicht durch eine Kampagne. Nicht durch ein Leitbild. Nicht durch mehr Sicherheitspersonal. Sondern durch ein Stück Stoff, das plötzlich enger saß als gewohnt.

Ich werde nächstes Jahr wieder in dieses Bad gehen. Zum Schwimmen, natürlich. Aber auch, weil ich dort etwas gesehen habe, das mich beruflich nicht loslässt. Eine gute Regel kann mehr verändern als eine laute Debatte. Eine minimale Verschiebung kann eine ganze Atmosphäre drehen. Und manchmal erkennt man eine große Kommunikationsidee nicht auf einer Konferenz, nicht im Strategieworkshop und nicht in einem Buch über Innovation. Man erkennt sie am Beckenrand, zwischen Chlorgeruch, Pommes und einem Bademeister, der eigentlich nur erzählen wollte, warum sein Wasser heute sauberer ist.

Mehr Infos zu Lateral Thinking unter: https://www.lateralthinking.com

Und hier geht es zu Rorys Vortrag bei TED.


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Über den Autor

Stefan Mannes ist Politikberater und Kommunikationsstratege mit über 25 Jahren Erfahrung. Er hat Wahlkämpfe, Volksbegehren und gesellschaftliche Kampagnen begleitet – darunter das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das erfolgreichste der Bundesrepublik. 
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